Herr Lehrer werden Sie gesund!

Viele Kinder sehnen sich derzeit wegen der Corona-Pandemie wieder nach einem geregelten Schulunterricht. Krankheiten, Seuchen oder Unglücksfälle oder gar Kriegszeiten haben auch in der Vergangenheit immer wieder einen geregelten Unterricht verhindert. Erst mit dem Bau einer Schule für den „Stab Durbach-Gebirg“, im Jahre 1790, war es den Kindern aus den weit verzweigten Seitentälern möglich, überhaupt einen geregelten Unterricht zu besuchen.

Schule Durbach – Gebirg im Jahr 1939

Bis dahin war Lesen und Schreiben überwiegend das Privileg der „Obrigkeit“, des Herrn Pfarrers, oder einiger der besser gestellten Personen. Kinder waren auf den oft einsamen Höfen eine Arbeitskraft, auf die man kaum verzichten konnte. Erst seit 1919 war in der Weimarer Verfassung die allgemeine Schulpflicht für ganz Deutschland festgeschrieben. Der Lehrer oder auch sonstige Schreibkundige wurden bis ins 19. Jahrhundert bei vielen Amtshandlungen oder Beurkundungen als „Beistand“ zugezogen.

 

Schule Durbach-Gebirg um 1950

Die ehemalige Schule Gebirg stand im Obertal und hatte für die acht Schulklassen meist nur einen, manchmal zwei Lehrkräfte zur Verfügung. Bei Krankheit einer Lehrkraft gab es kaum Ersatz von der Schule in Durbach – Tal, welche auch die Schüler des Stabes Bottenau (bis 1935) zu betreuen hatte. Trotz der „relativen Nähe“ des Schulhauses, hatten die Schüler im Gebirg bis zu 4 km Schulweg vor sich. Kalte Winter mit tiefem Schnee, durften auch für die jüngsten Schüler kaum eine Ausrede sein um bereits in den frühen Morgenstunden den Schul-, oder am späten Nachmittag bei anbrechender Dunkelheit den Heimweg anzutreten. Straßenlampen, Taschenlampen, Schulbus – alles war unbekannt.

Theresia Fieß um 1940

So waren es meist nur die Geschwister, die sich gemeinsam auf den täglichen Schulweg machten. Ein vielen älteren Durbachern noch vielleicht in Erinnerung haftender Dorflehrer war der aus Bad Peterstal stammende Emil Geierhaas. Neben seiner beruflichen Tätigkeit war er u.a. Dirigent des Kirchenchors und verfasste auch diverse heimatkundliche Artikel. Ebenso berichtete er recht fleißig über die Ereignisse in Durbach. Der historische Film „Durbacher Weinherbst“ aus dem Jahre 1928 war ebenso seiner Idee zu verdanken wie vielfache Theateraufführungen der 1930er Jahre. Es verwundert deshalb nicht, wenn die Durbacher Schüler der 1920 – 1930er Jahre respektvoll zu diesem Lehrer aufschauten. Im Gemeindearchiv Durbach findet sich aus dem Nachlass von Lehrer Geierhaas der hier in Schönschrift (Sütterlin) verfasste Brief der vor wenigen Tagen verstorbenen Theresia Fieß geb. Kaltenbronn. (*20.02.1926 +16.05.2020). Ihre Eltern erwarben 1937 den uralten Hof im „Seitenspring“, einem kleinen „Zinken“ zwischen „Hohberg“ und dem Brandecktal. Rund 25 ha u mfasste der Hof im „Seitenspring“ und „Märzengrund“, auf dem neben Wald Ackerbau und Viehzucht zur Selbstversorgung betrieben wurde.

Brief an den Lehrer

 

 

 

Im Gemeindearchiv Durbach findet sich aus dem Nachlass von Lehrer Geierhaas der hier in Schönschrift (Sütterlin) verfasste Brief der vor wenigen Tagen verstorbenen Theresia Fieß geb. Kaltenbronn. (*20.02.1926 +16.05.2020). Ihre Eltern erwarben 1937 den uralten Hof im „Seitenspring“, einem kleinen „Zinken“ zwischen „Hohberg“ und dem Brandecktal. Rund 25 ha u mfasste der Hof im „Seitenspring“ und „Märzengrund“, auf dem neben Wald Ackerbau und Viehzucht zur Selbstversorgung betrieben wurde.

Hof im Seitenspring um 1950

 

 

 

 

 

Von dem einsamen Hof im Seitenspring heiratete Theresia in den zwei Seitentäler (Zinken) liegenden Bechtolsberg (auch Bächlesberg genannt). Die Verhältnisse auf diesem Hof waren und sind kaum anders als in der angestammten Heimat. Allerdings liegt der Bechtolsberg mit ca 500 m noch höher und weiter entfernt zum Durbacher Tal. Die heutige Technik, die Verkehrserschließung und das Telefon haben die Bewohner des Durbacher „Gebirgs“ etwas näher an das Leben im Tal herangeführt. Trotzdem bestimmen Ruhe und Einsamkeit auf den Höfen noch immer den Lebensrythmus.

Lehrer Emil Geierhaas

Durbach, 30. Januar 1939

Lieber Herr Lehrer! Über Ihre schöne Karte haben wir uns alle, daheim und in der Schule sehr gefreut und danken Ihnen herzlich dafür. Letzte Woche hatte ich etwas am Fuß, konnte nicht gut gehen und mußte zu Hause bleiben. Unterdessen hatten all‘ die Andern, Ihnen liebe Grüße gesandt. Nun bin ich der Nachtrab. Wir alle hoffen, daß es Ihnen wieder ein wenig besser geht? Bei uns hat es wieder Schnee, und unsre Buben meinten: Daß jetzt der Herr Lehrer sicher dort auch Schlitten fahren kann. Letzte Woche mußten wir ins Tal, in der „Linde“ wurde der Olympia-Film aufgeführt. Dann gab es halt ein Aufsatz. Im Seitenspring ist Gottlob alles gesund. Wo es noch schönes Wetter war, machten wir Roßkartoffel aus. Die Mannsleut groß und klein, schafften im Wald. Die Klauenseuche im Tal und am Wehrlisberg ist „Gott sei Dank“ auch wieder erloschen. Der Ludwig geht seit Schulbeginn in den Kommunionunterricht. Sonst weiß ich nicht viel Neues. Nun wünschen wir Ihnen von Herzen alles Gute und möchten so gern, daß Sie recht bald gesund werden. Mit den herzlichsten Grüßen von Ihren dankbaren Schüler im Seitenspring und von allen, groß und klein der Gebirger-Schule. Auch die Eltern senden Ihnen viele liebe Grüße und gute Wünsche. Ihr stets dankbare Schülerin Theresia Kaltenbronn. Heute haben wir Schulfrei.

Josef Werner, Juni 2020