Durbach, Juli 1915

An die lieben Krieger der Pfarrgemeinde Durbach!

Schon lange drängt es uns, Euch allen lieben bekannten einmal einen kurzen Gruß aus der teuren Heimat zu senden. Fast ist ein ganzes blutiges Jahr zu Ende und manchen Brief und manche Karte habt Ihr uns aus weiter Ferne zu unserer großen Freude zukommen lassen. Jedem persönlich zu danken und Antwort zu geben, ist fast unmöglich. So seid zufrieden, wenn wir jetzt Euer einen gemeinsamen Feldbrief schreiben.

Wenn Du, lieber Krieger, einsam draußen stehst, so werden oft Gedanken an die liebe Heimat kommen und schwere Sorgen Dein Herz erfüllen. Du wirst Dich fragen: Wie wird es daheim gehen? Ist alles gesund? Muß nicht alles notleiden, weil ich fehle? Nun, wenn wir die Last des Krieges auch schwer spüren, so kannst Du doch ganz beruhigt sein. Wenn Ihr in diesen Wochen in unser schönes Tal hineinschauern könntet, würdet Ihr staunen, wie herrlich alles draußen in der Natur steht. Gottes Hand ruht sichtbar auf unsern Feldern, Matten und Weinbergen. Obwohl so viel von Euch, liebe Männer und Jünglinge, fort sind, so sind doch alle die vielen Arbeiten verrichtet worden. Freilich, Euere alten Väter mußten arbeiten wie nie zuvor in ihrem Leben, und wohl mancher von ihnen ist, wie Ihr, in den letzten Monaten um ein paar Jahre älter geworden. Aber sie haben alles gern getan und schaffen auch freudig weiter, wenn nur Gott mit uns ist.

Das viele Heu haben wir in kurzer Zeit und sehr gut heimgebracht; einige hatten Aushilfe durch Offenburger Landsturmleute; auch sind zur Zeit Russen im Gebirg beschäftigt. Schon hat man mit der Fruchternte begonnen, die sicher gut ausfällt. Und die Reben! O, wie würdet Ihr Euch freuen, daß die Trauben schon fast ausgewachsen und so gesund dastehen wie schon Jahre lang nicht mehr.

Sonst geht hier alles seinen alten Gang, und würde nicht von Zeit zu Zeit eine betrübende Nachricht vom Felde kommen, man würde äußerlich kaum etwas merken vom Kriege. Ihr könnt Euch denken, daß die Leute hier, dem Ernste der Zeit entsprechend, ihre Lebensführung einrichten. Natürlich werden unsere tapferen Soldaten nicht vergessen. Mit Freude teilen wir Euch mit, daß für Euch viel gebetet wird. Bis vor einem Monat beteten wir jeden Abend gemeinsam den Rosenkranz in der Kirche, ebenso in den beiden Kapellen des Heimbach. Sobald die Ernte geborgen ist, werden wir diesen frommen Brauch wieder aufnehmen. Selbstverständlich treten wir Geistlich nie an den Altar, ohne Euch alle einzuschließen ins heilige Opfer. Die von unserer Kirche angeordneten Buß- und Sühnetage wurde auch hier gut gefeiert durch zahlreichen Empfang der heiligen Sakramente. Eure Landsleute haben damals die heilige Kommunion für Euch aufgeopfert. Auch unsere lieben Kleinen denken an Euch und empfangen recht oft den Heiland mit der Bitte: „Laß meinen lieben Vater, meinen lieben Bruder wiederkommen!“ An dem Trauergottesdienst für einen lieben Gefallenen beteiligt sich der Militärverein geschlossen, die Kirche ist so voll von Betern wie am Sonntag, um seine Seele dem barmherzigen Gotte zu empfehlen. An Weihnachten haben alle im Felde Weilenden durch Vermittlung des Frauenvereins von der Gemeinde ein kleines Geschenk erhalten. Das Pfarramt hat jede Woche eine große Anzahl Zeitschriften, Zeitungen und abwechselnd mehrere hundert religiöse Feldbriefe an Euch geschickt. Wenn Du noch nichts erhalten hast, wußten wir Deine Adresse nicht. Der Burschenverein hat keines seiner Mitglieder vergessen und freudig kann der Präses konstatieren, daß unsere Mitglieder auch im Felde unserer heiligen Sache treu bleiben. Die allermeisten, die vor dem Kriege aktiv waren, stehen jetzt unter der Fahne des Kaisers. Wie werden wir uns freuen, wenn Ihr uns nach froher Heimkehr Eure Erlebnisse erzählen könnt!

Bis jetzt sind leider aus unserer Pfarrei gefallen:

  1. Heinrich Eckenfels (Hespengrund)

  2. Joseph Laible (Obertal)

  3. Hubert Reichert (Tal)

  4. Emil Noll (Hespengrund)

  5. Martin Danner, Gärtner

  6. Gottlieb Sandhaas (Nachtweide)

  7. Bernhard Huber, verheiratet

  8. Heinrich Huber, Herrenmüller

  9. Franz Benz, verheiratet (Oberweiler)

  10. Karl Wehrle, verheiratet (Oberkirch)

  11. Franz Rabold, verheiratet

  12. Joseph Kälble, verheiratet (Engen)

  13. Karl Feger, Bäcker

  14. Franz Kaltenbrunn (Halbgütle)

  15. Friedrich Senger, Vizefeldwebel

  16. Heinrich Männle (Ergersbach)

  17. Franz Siebert, Sohn d.früher. Lindenwirts

  18. Wilhelm Vollmer, Gärtner

  19. Joseph Roth (Hilsbach)

  20. Franz Huber, Sohn des Zyriak

  21. Emil Reichert, Bankbeamter

  22. Valentin Lang, Telegraphenarbeiter

  23. Heinrich Retsch (Tal)

  24. Joseph Benetz, Buchbinder

  25. Wilhelm Serrer, Knecht

  26. Bernhard Panter, Bäcker

  27. Karl Schwab (Heimbach)

  28. Stephan Birk (Tal)

  29. Franz Männle (Brändel)

  30. Joh. Baptist Sandhaas (Nachtweide)

Möge es der letzte sein!

Gefangen: 1. Franz Anton Schwab (Heimbach); 2. Andreas Brandstetter (Bottenau). Vermißt: 1. Karl Werner (Sendelbach); 2. Wendelin Vollmer (Lautenbach); 3. Franz Huber (Unterweiler, Anselm); 4. Franz Näger (Hespengrund); 5. Franz Schwörer, Küfermeister; 6. Anton Kiefer (Bottenau), 7. Pius Suhm (Tal); 8. Theodor Geiler (Tal). Verwundet sind schon viele und etwas ein Dutzend ist ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuze oder Verdienstmedaille.

Seit Neujahr sind gestorben: 1. Bernhard Maier, Knecht, 70 Jahre; 2. Leander Kunz, Schneider, 81 Jahre, 3. Frau Laible (Ergersbach), 62 Jahre; 4. Amalie Gallehr geb. Huber, 69 Jahre; 5. Matth. Vollmer (Bottenau), 84 Jahre; 6. Heinrich Danner (Bühl), 18 Jahre, verunglückt in Karlsruhe; 7. Wilhelm Bruder, Metzger, 82 Jahre; 8. Joseph Roth (Gebirg), 76 Jahre; 9. Karolina Ziegler (Gebirg), 72 Jahre; 10. Karoline Lamm geb. Vogt (Tal), 49 Jahre; 11. Magdalena Huber, Anselme, (Unterweiler), 60 Jahre; 12. Fr. Joseph Kiefer (Hilsbach), 28 Jahre; 13. Peter Kimmig (Hespengrund), 65 Jahre; 14. Fr. Fidel Wörner (Schuh Franz), 51 Jahre.

Jetzt, lieber Freund, nimm noch eine kurze Mahnung an. Vor allem sei fromm und habe Gott vor Augen, die Zeitungen berichten uns immer von frommen Soldaten. Mach Du keine Ausnahme! Bete fleißig den Rosenkranz, den Dir Deine fromme Mutter oder liebende Gattin mitgegeben, besonders wenn Du einsam auf Wache oder im Schützengraben liegst, und Du wirst in besonderer Weise den Schutz Deiner himmlischen Mutter erfahren. Bewahre stets Deine Mannesehre! Bedenke wohl: Der Uebel größtes ist die Schuld. Sie ist schrecklicher als Tod, Verwundung oder Gefangenschaft. Ueberall tue Deine Pflicht, Du kämpfst für Deine Lieben zu Hause, Du kämpfst nicht umsonst, der endgültige Sieg kann nicht mehr lange ausbleiben. Habe Gottvertrauen, in seiner Hand stehen wir alle.

Nun lebt wohl! Gott schütze Euch alle und führe Euch heil zu uns zurück, das soll auch ferner unser Wunsch und Gebet sein.

Herzliche Grüße

Euer treubesorgter Pfarrer Ries

und Euer Kaplan Lehn.


Abschrift Josef Werner, April 2015

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