Ein Kämpferleben für Freiheit und Gerechtigkeit 

Besuch bei dem 83 jährigen Genossen Fritz Müller in Durbach

 

Es war im Morgengrauen eines Oktobertages, als ich ihn aufsuchte. In den Kellern Durbachs gor bereits der neue Wein. Der Wind strich über die Wälder und Rebhänge. Am Hilsbach steht des Alten Haus. Einstöckig, weiß getüncht und ein Birnbaum davor. Dahinter die Scheune, Stall und Weinkeller. Es ist recht klein, das Häusle am Hilsbach, - doch groß genug, um alle die vielen Sorgen und Nöte, die durch das Tal und die Gemeinde gehen, im „vorderen Stüble“ an den Tisch zu setzen. Der mit ihnen focht und rechtete, das war ein guter Geist. Er hat sie oft samt und sonders zum Teufel gejagt. Die ihn kennen, wissen, daß er ihr Vater ist, der das Herz auf dem rechten Fleck hat.
Ich kenne F r i t z   M ü l l e r , den Alten von Durbach, schon zwei Jahrzehnte. Es war zu allen Zeiten eine Freude, ihm zu begegnen. Auch heute war er voller strahlender Lebendigkeit, trotzdem längst schon weiße und silberne Haare sein weises Haupt bedecken. Was ihm immer noch geblieben, das ist die Güte und das Feuer, das in seinen Augen loht und der Witz, der von seinen Lippen sprudelt. Nur sein Rücken ist unter den Sorgen müde geworden. Was ich alles abgelauscht habe – früher, gestern und heute -, ich will es erzählen.


Fritz Müller mit seinen Söhnen Erich, Walter und Erwin, sowie Frau Meidinger vor seinem Anwesen um 1935


Der „Seifen-Fritz“ hat eine gar lange Lebensgeschichte. Am 19. September erst feierte er seinen 83. Geburtstag. Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird das Geschlecht der Müller in der Durbacher Chronik erwähnt. Die Ahnen betrieben jahrhundertelang Rebbau und Landwirtschaft. Einer seiner Urahnen war im Jahre 1600 Richter und sprach auf dem Schloß Staufenberg, wo man noch heute seinen Namen lesen kann, Recht. Der Großvater unseres Veteranen betrieb eine Seifensiederei und sein Vater erlernte das Wagnerhandwerk, das der Sohn fortführte. Sein Geschäft übergab er später seinem Schwager. Fortan widmete er sich nur noch der Landwirtschaft und seinen Reben auf den „gächen Halden“. Mit 18 Jahren schon begann er das Leben anders zu sehen, als alle seine Mitbürger und Lebenskameraden um ihn. Mit 20 Jahren hat er in der Kaserne zu Rastatt sozialistische Reden gehalten für seine Bauern, seine Mitmenschen, sein dörfliches Volk. Früh schon trat Fritz Müller der Sozialdemokratischen Partei bei. Doch im Jahre 1923 ging er, uneins mit der Politik der SPD, zu der Kommunistischen Partei über, in der er vorbildliche Arbeit für die Ausgebeuteten und Unterdrückten geleistet hat. Während des großen „Bauernlegens“ 1931 – 32 war Fritz Müller Haupt des Widerstandes der verarmten Durbacher Winzer. Die „freieste Republik der Welt“, die Weimarer Demokratie, konnte auch einen Fritz Müller nicht tragen. Man brachte ihn und die revolutionären Kämpfer von 1923-24 hinter Kerkermauern. In den Novembertragen 1924 fand vor der Offenburger Strafkammer der Prozeß gegen die 76 O r t e n a u e r  R e b e l l e n statt. Vor dem Klassengericht wurden die mutigen Männer und Genossen der sozialistischen Revolution des „Landfriedensbruchs, Bildung eines bewaffneten Haufens, unerlaubten Waffenbesitzes usw.“ angeklagt. In der Anklageschrift stehen die Namen Richard Bätz, Alfred Bätz, Albert Allgeier, Robert Krause, Vogt und Eberle, Volk und Braun, Brüstle und Bodemer, Doll und Fallbrecht, Bitschnau und Alandt, Feger und Fischer, Gießler und Goll, Haaser, Heitzmann, Huber, Kern, Lutz, Matt, Schrammer, Seebacher, Zapf, Zink ach, so viele – und Moritz, genannt Fritz Müller von Durbach.
In den folgenden Jahren widmete sich Genosse Müller immer mehr der Kleinarbeit, ohne das große Ziel dabei zu vergessen. Verfolgt von der Kirche, gelästert, herabgesetzt, verleumdet und verstoßen, so lauten die weiteren Kapitel seines Lebens. Der bald darauf wieder Verhaftete, der ins Amtsgefängnis in Lahr kam, ist bei alledem trotzig, fester und stärker geworden. In jenen Tagen fand ihn kein geringerer als F r i e d r i c h W o l f f , der große Dramatiker und Cihter. Sie wurden Freunde und sind es bis zur Stunde geblieben. In Müllers Klause schrieb Friedrich Wolff so manches revolutionäre Essay, so manches Kapitel seiner späteren dramatischen Schöpfungen. Hier entstand der „B a u e r  B ä t z „, eine Bauerntragödie, die den „Alen von Durbach“ als charakterliches Vorbild hatte. Die Männer um den Genossen Bätz von Offenburg, die Landschaft des Clevner-Tales, gaben dem Werk Inhalt und Handlung. Noch so manches hat mir der alte Kämpe aus seinem Leben erzählt. Von seiner Freundschaft die ihn mit Adolf G e c k jahrzehntelang verbunden hatte, von seinem Freunde M u s e r , vom Stadtrat M o n s c h  von Offenburg und Vitus H e l l e r  von Würzburg.
Man scheidet ungern von einem solchen Menschen. Auch diesmal ging es mir so. Noch höre ich die Worte nachhallen, die er mir beim Abschied mahnend ans Herz legte: „Begrabt die Streitäxte, ihr Arbeitsbrüder! V e r e i n i g t seid ihr alles – getrennt seid ihr nichts!“
Erich Emil Reiser
Anmerkungen: Bericht entnommen der Kommunistischen Zeitung vom 14. November 1947 – UNSER TAG – Nr.89 Seite 4
Der Müller Fritz ist der älteren Durbacher Generation sicherlich noch in guter Erinnerung. Er starb am 26. November 1949. Seine Verbundenheit zum Durbachtal brachte er auch bei seiner Beerdigung zum Ausdruck, als man, seinem letzten Wunsche folgend, am Grabe das Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ sang.
Im Wein- und Heimatmuseum in Durbach ist ein viel beachteter, und immer wieder von den Besuchern bewundertet Werbefilm der Gemeinde Durbach aus dem Jahre 1928 zu sehen, in dem der Müller Fritz mit seinem markanten Rauschebart, als Feld- und Rebhüter, mit weitem Mantel und einem langen Stecken, den Kindern das Durbachtal erklärt. Seine „Treiberpistole“, mit der er einst die gefräßigen Vögel aus den Reben verjagte, ist heute als Relikt der alten Zeit in einer Vitrine zu bewundern.
Für den Arzt, Schriftsteller, Dramatiker und kommunistischen Politiker Friedrich Wolf *23.12.1888 in Neuwied + 5.10.1953 in Berlin, war der „Seifenfritz“ aus Durbach eine Anlaufstelle und Quelle für den Stoff mancher Geschichten. Friedrich Wolf musste 1933 Deutschland verlassen und ging zunächst über Österreich und die Schweiz nach Frankreich. 1934 war er mit seiner Familie im Exil in Moskau. Er schrieb das dramatische Theaterstück „Bauer Baetz“, welches nicht nur in Süddeutschland, sondern auch auf den Bühnen der Sowjetunion gespielt wurde. Die Handlung dieses Stücks spielt hauptsächlich in der Ortenau, bzw. Durbach, wobei der „Müller Fritz“ eine wesentliche Rolle spielt. Das Schauspiel zeigt die große Armut und das soziale Elend der Bevölkerung kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.  Als Wolf 1934 in Moskau ankam wurde im lettischen Theater gerade sein Stück vom „Bauer Baetz“ inszeniert.
Nur wenige Tage vor seinem Tod, am 14.Oktober 1949, schrieb der Müller Fritz mit immer noch herrlicher Schrift an seinen Freund:
„Mein lieber Prof. Dr.Friedrich Wolf, in meiner Zeitung „Unser Tag“ wurde berichtet, daß Du trotz Deinen sozialkritischen Dramen, mit einem Preise der deutschen Nationalgenis. für Kunst und Literatur ausgezeichnet worden bist. Welche Hochachtung diese Nachricht meinen 85 jährigen alten Körper aufs Neue wieder belebt wirkt wie Sonnenschein. Mein sozialer Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit brachte mich acht Monate „ohne Urteil“ ins Gefängnis, der Stolz meines Lebensabschlußes. Sei herzlich gegrüßt von einem Kamerad, Dein Gratulant und Verehrer  Fritz Müller.   Aufs Wieder sehen.   – Die Feder will nicht mehr. (Original bei Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin)

Josef Werner

                                                                                     - z u r ü c k -