Die Sanitären Verhältnisse in der Gemeinde Durbach

Amtsbezirk Offenburg

Von Dr. med. Franz Steiger, prakt. Arzt

Übersichtskarte (Lorenz‘_Spezialkarte vom Schwarzwald. Blatt II. Renchen-Freudenstadt)

D u r b a c h (Blick vom Alsberg)

Inhalt


I.       Lage der Samtgemeinde Durbach                                
II.     Geschichte                                                                     
III.    Verlauf des Durbach, Geologie, Klima                          
IV.     Rasse und Charakter                                                     
V.       Arbeitsverhältnisse des Rebbauers; Zigarrenfabrik    
VI.     Lebenseise: Ernährung, Kleidung, Sport                      
VII.   Siedelungsweise und Bauart                                        
VIII.  Der Ortsetter                                                                 
IX.     Wasserversorgung                                                        
X.       Öffentliche Gebäude:   
               a) Rathaus,                                                                   
               b) Schulhaus im Stab Heimburg    
               c) Schulhaus im Stab Gebirg,
               d) Pfründnerhaus
               e) Kinderschule
XI.    Bevölkerungsbewegung und Krankheitsverhältnisse   
               Leichenbestattung                       
               Zusammenfassung                       


I.   L a g e

In Mittelbaden, gerade gegenüber von Straßburg, öffnen sich in der Rheinebene zwei große, von Südost nach Nordwest verlaufende Schwarzwaldtäler, jedes von einem raschen Wasserlauf durchzogen: das Kinzigtal und das Renchtal. Zwischen beiden fließt ein kleines, liebliches Bächlein, der Durbach. Er entspringt am Mooskopf (873m ü.d.M.), der Wasserscheide zwischen Kinzig und Rench, verläuft in nordwestlicher Richtung und mündet bei Freistett in der Nähe von Kehl in den Rhein. Das Durbachtal wird im Norden von einem Höhenzug vln 400-500m ü.d.M. mit dem Staufenberg (383m) auf dem sich das alte Schloss Staufenberg erhebt, gegen das Renchtal abgegrenzt. Im Süden trennt ein höherer Bergzug, ebenso wie der nördliche vom Mooskopf den Ursprung nehmend, mit dem Brandeckkopf als höchste Erhebung (692m) das Durbachtal vom Kinzigtal. Von da, wo der Durbach bei Ebersweier in die Rheinebene tritt, bis hinauf zu den Quellen des klaren Forellenbaches zieht sich in vielnamigen Häusergruppen die Talgemeinde seines Namens. Zu beiden Seiten des Wasserlaufes b reiten sich, in kleinen Tälern, Zinken und Gehöften verstreut, zwei von der drei Stäbe umfassenden Samtgemeinde Durbach aus: Stab Heimburg und Stab Gebirg; ein dritter Stab, Bottenau, gehört geographisch schon zum Renchtal, da dieser Teil der Gemeinde Durbach in einem kleinen Tal liegt, das in nördlicher Richtung gegen die Rench verläuft. Die Samtgemeinde hatte bei der Volkszählung im Jahre 1925 eine Einwohnerzahl von 2.249 Seelen, wovon 1839 auf Stab  Heimburg, 224 auf Stab Bottenau, 186 auf Stab Gebirg entfallen. Der Flächeninhalt beträgt 2.529 ha38 ar 82 qm: davonkommen auf die Gemarkung Durbach

Heimburg:        1321 ha 19 ar 33 qm
Bottenau:           355 ha 10 ar 45 qm
Gebirg:                851 ha  9 ar     4 qm


Der Gesamtflächeninhalt teilt sich in folgenden Gelände auf:
                                                                           ha    ar    qm
Hofreiten mit Grundflächen der Gebäude        26    84    83
Garten, Hausgärten                                           14    91    48
Gartenland                                                                   3    73
Äcker                                                                389      7    25
Wiesen                                                             312    25    42
Rebland                                                            222    32      1
Obstpflanzungen                                                          1    82
Reutfeld                                                              65    97    21
Kastanienwald                                                            62    22
Bau- und Arbeitsplätze                                               30    40
Steinbrüche, Sandgruben                                           18    99
Waldungen                                                      1449      1    91
Ertraglose Flächen                                                      56    22
Öffentliche Plätze                                                43    46     4
Fluss, Bach, Teich                                                 3    79    29

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*1) Zusammen                                                2529    38    82

II.   G e s c h i c h t e

Die Geschichte des kleinen Landesteiles und seiner Eingesessenen, aus denen die heutige Samtgemeinde Durbach geworden ist, ist eng verknüpft mit der Geschichte des Schlosses Staufenberg und dem Geschick seiner Herren. Man nimmt an, dass der Berg Staufenberg im XI. Jahrhundert durch fränkische Geschlechter besiedelt und befestigt wurde. Ihre Lehnsherren waren wohl in ältester Zeit die Calwer, dann die Herzöge von Zähringen. Einer von den Lehnsträgern, Egeno von Staufenberg, gehörte auch zu den Minnesängern, die im XIII. Jahrhundert das höfische Epos zu hoher Blüte brachten; er ist dadurch bekannt, dass er die Sage von Peter Diemringer von Staufenberg und der Schönen Melusine, die Ur-sage der „Undine“, mit Poesie und Glanz umwob.
    Im Jahre 1366 übernahmen die Markgrafen von Baden-Baden das Lehen von Staufenberg. Da es ein Ganerbenschloss (Ganerbe=Miterbe) war, wohnten hier oft bis zu 7 Familien, von denen jede ihr eigenes Wappen führte; so z.B. die Schideline, die Stoll, Tarau, Kolb, Bock und die Hummel. Alle gingen nach und nach dahin, bis zuletzt sämtliche Lehen auf dem letzten Spross derer von Wiedergrün vereinigt waren, welche ihr Wasserschloss in dem jetzt noch so benannten Tälchen Wiedergrün hatten. Als im Jahre 1604 der Letzte dieser Familie starb, wurde das Lehen als heimgefallen von der Baden-Durlacher Linie, welche die obere Markgrafenschaft besetzt hatte, eingezogen. In dieser Zeit, als ein Durlacher Amtmann auf Schloss Staufenberg für seinen Herrn Recht und Gefälle feststellte, kam zum ersten Mal das „Amt Staufenberg“ in Erwähnung. Durch die Zugehörigkeit zum Haus Baden wurde die Kaplanei, gegründet 1360, und mit ihr die Bevölkerung in die religiösen Kämpfe verwickelt und in die Religionswechsel mit hineinbezogen. Im Jahre 1622 übernahm die katholische Linie unter Wilhelm von Baden wieder Staufenberg und belehnte damit den Freiherrn Karl Orscelar. Der letzte Sprössling dieser Familie stiftete 1666 die Pfarrei Durbach.
    Von 1700 ab verwalteten baden-badische Amtsleute diesen Landesteil, bis nach Aussterben dieser Linie 1771 auch die Herrschaft Staufenberg die Segnungen der Regierung Karl Friedrichs an sich empfinden durfte und unter ihm im Großherzogtum Baden aufging. Hierdurch erhielt der Ort eigene Verwaltung und im Jahre 1832 durch die neue badische Gemeindeordnung einen Bürgermeister mit Gemeinderäten und Bürgerausschussmitgliedern.
    Nicht das ganze Durbachtal gehörte zu Schloss Staufenberg: noch mehrere andere Herren, Klöster und Städte hatten Besitztum und Lehensrechte in diesem Tal; vor allem die Zorn von Bulach mit ihrem festen Haus Grol am Fuße des Staufenberg, das Bistum Strassburg, das Kloster und die freie Reichsstadt Gengenbach, sowie auch das Kloster Allerheiligen.

III.   Verlauf des Durbach, Geologie, Klima

Der Durbach, der am Mooskopf in mehreren, wasserreichen Quellen entspringt, sammelt von beiden Seiten her zuströmende, kleinere Rinnsale, sodass der Bach bald nach seinem Ursprung kleinere Sägemühlen, Turbinen und Mühlen treiben kann. Er druchfließt zuerst den Stab Gebirg bis zur Einmündung des Brandecktales. Hier tritt der Wald zu beiden Seiten allmählich zurück, um in der verbreiterten Talsohle Wiesen und an den Abhängen den Rebanlagen Platz zu machen. Dr Bach durchzieht den Stab Heimburg mit dem Ortsetter. Im letzten Drittel des Tales weicht der Nordwestverlauf von der ursprünglichen Richtung ab und zieht nach Westen gegen die Rheinebene, um beim Eintritt in dieselbe wieder Norwestrichtung einzuschlagen. Abgesehen vom Lautenbachtal sind die ganzen übrigen Seitentäler, in denen sich die Gemarkung  Heimburg ausbreitet, fast durchweg wasserarm infolge der Bodengestaltung, da die meist steilen Hänge mit durchlässigem Gestein das Wasser nicht zu speichern vermögen.
    Man findet im vorderen Teil des Tales bis zum Ergersbach groben und feinkörnigen Granit. Im Lautenbach kommt das Rotliegende und dann jüngerer Porphyr an mehreren Steinbrüchen deutlich zum Vorschein. Im Hohrain, Stab Gebirg, verschwindet der Porphyr, um dem Gneis Platz zu machen, der gegen den Spähneplatz zu wieder durch Rotliegendes abgelöst wird, während der prächtige Hochwald des Mooskopf auf unterem Buntsandstein steht. Wo der eigentliche Hochwald beginnt, liegen die letzten Höfe; von diesen bis zu den ersten Häusern der Gemarkung, im Zinken Stöcken, ist es auf der Talstrasse eine Entfernung von 12 km und ein Gefälle von 200 m.
    Das Klima entspricht im Allgemeinen dem der Oberrheinischen Tiefebene; Witterung und Niederschläge bieten davon keine nennenswerte Abweichung. Bemerkenswert ist die stets um einige Grad höhere Temperatur als in der Rheinebene, verursacht durch die vor den Nord- und Ostwinden geschützte Lage des Dorfes; es kommen nur die von Südwesten herziehenden Winde zur vollen Wirkung. Im Winter werden die kalten Nordwinde abgehalten, bzw. in ihrer Stärke gebrochen, sodass bei der letztjährigen Kälte sehr wenig Reben und Obstbäume erfroren sind, während im Sommer die große Hitze den Reben sehr zugutekommt.
    Als Sommerfrische spielt Durbach eine nur ganz geringe Rolle, wenngleich auch alljährlich zur Zeit der Baumblüte und des Herbstes ein ziemlich reger Fremdenverkehr herrscht. Wegen seiner geschützten Lage kam das Tal schon für die Errichtung einer Lungenheilstätte in Frage; der Plan zerschlug sich jedoch wegen allzu großer Ängstlichkeit der Bevölkerung vor der Infektion. Im Jahre 1836 wurde im Sendelbach eine zu den kalten Eisenwassern gehörende Mineralquelle entdeckt. Eine Badeanstalt, die in einem an der Ortsstraße gelegenen Haus eingerichtet wurde, konnte sich keinen großen Zuspruchs erfreuen, sodaß sie nach wenigen Jahren wieder einging.

IV.   Rasse und Charakter

Rasse

So abseits vom Hauptverkehr das Tal auch liegt – etwa 8 km von Offenburg entfernt - , so kann doch von einem einheitlichen Rassetypus keine Rede sein. Die Völkerbewegungen der prähistorischen und der historischen Zeit brachten eine große Rassemischung mit sich. Da alles Leben vom Klima bedingt und abhängig ist, die Ortenau dem Urmenschen für die Besiedelung während der Eiszeit die denkbar ungünstigsten Lebensmöglichkeiten gab, fehlen hier, somit auch im Durbachtal, jegliche Spuren des Eiszeitmenschen, die sonst in Baden nicht eben unbedeutend sind. Auch schon bald nach der ersten Besiedelung in der auf die Eiszeit folgenden Periode zeig es sich, daß die Bevölkerung während des III. Jahrtausend v.Chr. keine Einheitlichkeit mehr aufweist, sondern mehreren, aus verschiedenen Richtungen zugewanderten Stämmen angehörte, besonders da die Ortenau ein wichtiges Durchgangsgebiet war. Eine eigentliche lebhafte Besiedelung findet erst in der Eisenzeit (der sog. Hallstattzeit) statt, insbesondere dringen ostalpine Stämme ein.
    Mit den Kelten, die später von Westen her vorstoßen, betritt die erste geschichtlich bekannte Völkerschaft den Boden der Ortenau. Im V. und IV. Jahrhundert v.Chr. verdrängen von Norden her ziehende Germanenstämme die Kelten aus Süddeutschland. Die Römer brachten ihre Kultur in das Dekumatenland; Alemannen und mit ihnen die Franken überrannten vom III. Jahrhundert n.Chr. ab den gegen sie errichteten Grenzwall und brachen in das Zehntland ein, die römische Kultur in Schutt und Asche legend. Seit Beendigung der Kämpfe der Alemannen gegen die Franken im V. Jahrhundert n.Chr. fand keine größere Stammesverschiebung mehr statt.
    Als Resultat der Rassenmischungen können wir feststellen, daß hauptsächlich zwei Rassetypen hervortreten. Der erste Typ ist hochgewachsen, hochbeinig, kurzköpfig und schmalgesichtig mit dunklen Haaren und Augen. Das hohe Hinterhaupt steigt in vielen Fällen als Verlängerung des Nackens auf; tiefeingeschnittene Falten verlaufen von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hin und geben dem Gesicht oft ein markantes Gepräge. Überwiegend ist es aber ein zweiter Typ, der in Durbach, insbesondere im Stab Bottenau, wie überhaupt im ganzen Renchtal, hervortritt: kurzgewachsen und kurzköpfig breitgesichtig mit dunklen Haaren und Augen. Es sind dies sog. „Rundköpfe“ mit dem kurzen Hals, der oft eine Neigung zum Stiernacken zeigt, mit ihren gedrungenen kurzen Füßen, kurzen Fingern. Genauere statistische Messungen und Zählungen fehlen noch.
    Ostische und dinarische Rassetypen sind also hier trotz der langjährigen und intensiven Rassemischung immer noch in relativ vielen Fällen rein und deutlich zu erkennen. Nordische oder westliche fehlen ganz.

Charakter


    Gemäß der seelischen Eigenschaften dieser Rassen ist der Menschenschlag arbeitsam. Unermüdlich und anspruchslos obliegt er seiner schweren Arbeit als Rebbauer im „Tal“, als Waldarbeiter im „Gebirg“. Durch Fehlschläge im Herbst nicht leicht zum Verzagen zu bringen, hofft er mit immer der gleichen Geduld auf eine bessere Ernte im nächsten Jahre. Ein stark konservativer Zug zeichnet das Bauerntum aus, bedingt durch das feste Verwachsen-sein mit der Scholle; verbunden damit ist aber auch ein gewisser Hochmut, Stolz, Dünkel. Werden doch die im geschlossenen Ortsteil, im Ortsetter, im „Tal“ wohnenden Mitbürger, etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung, als „fauler Taler“ betrachtet, von oben herab angesehen und verspöttelt, während für einen Fremden, der sich im Orte ansässig, macht, der Titel „Hergelaufener“ zur Verfügung steht. Mancher Handwerker und Kaufmann braucht oft viele Jahre, bis ihm das Odium des „Hergelaufenen“ abgenommen ist, und er das Vertrauen seiner Kundschaft genießt.
    Bis tief in das Familienleben hinein zeigt sich dieses Selbstbewusstsein. Die Verheiratung der Töchter wird von dem Gesichtspunkt aus geschlossen, dass eine Tochter nicht auf kleinere Höfe heiraten darf, selbst wenn das kleinere Gut in besseren Verhältnissen d.h. weniger in Schulden steht. Derjenige, meist der Älteste, welcher bei Lebzeiten oder beim Tode des Vaters infolge einer entsprechenden Heirat als der „Tauglichste“ erscheint, erhält den Hof, wobei er den Eltern eine Rente, das Leibgeding, geben, die Geschwister aber mit Geld ausbezahlen muss. Eine freie Willensbestimmung der Mädchen ist bei solch starrem Festhalten an der Tradition meist ausgeschlossen. Verwandt-schaftsehen sind daher nicht selten; bis zur Zeit des Krieges kam wenig fremdes Blut nach Durbach, erst seit Kriegsende wird von diesem System etwas abgewichen. Mancher junge Bauer hat sich aus einer fremden Gemeinde seine Frau geholt, finanzielle Gründe waren dabei nicht wenig von Bedeutung.
    Es ist ein heiteres Völkchen, das in dem Weingesegneten Tal wohnt, gastfreundlich, ohne einen allzu stark über das Mittelmaß hinausgehenden Hang zum Alkohol, mit Freude am Gesang und Theaterspielen. Die ältere Generation zeigt z.T. noch echte Frömmigkeit, hängt dem katholischen Glauben fest an, doch ist ihr eine, wenn auch geringe, Neigung zu Selbstgerechtigkeit nicht abzusprechen. Bei der jüngeren, durch den Krieg hindurch gegangenen, und jüngsten Generation sieht man – einem allgemeinen Zug der Zeit entsprechend – in mehr oder weniger starkem Maße, dass die Einhaltung der religiösen Formen die Hauptsache ist, Charakter und Moaral wird in keiner allzu nachhaltigen Weise durch die religiöse Betätigung beeinflusst. Wie es in kleinen Orten meist der der Fall ist, zeigt sich auch der Durbächer sehr neugierig, spricht gern über andere, hängt dem Mitmenschen gern etwas an; er ist von einem mehr oder weniger starken Hang zur Schadenfreude nicht ganz frei zu sprechen. Infolge der wirtschaftlichen Not, infolge des schweren Kämpfens um ein finanzielles Durchhalten sieht er mit etwas neidischen Blicken den wirtschaftlich besser gestellten Mitbürger an. Das Vertrauen ist nicht leicht zu gewinnen; doch wenn ein Fremder im Laufe der Jahre sich ihren Charakteranlagen, ihren Licht- und Schattenseiten angepasst hat, dann fühlt er sich auch heimisch und geborgen im schönen Durbachtal.

V.   Arbeitsverhältnisse

Während der Bauersmann im Stab Gebirg seine Grundstücke: Wiesen, Felder und Wald rund um seinen Hof verteilt hat, liegt das Arbeitsfeld des Rebmannes im Tal weit verstreut. Der geringste Teil grenzt an sein Gut. Die Wiesen liegen drunten in der Talmulde, die Reben an den verschiedensten Abhängen verstreut und die Äcker draußen in der Ebene bei Ebersweier, Windschläg und Griesheim (sog. Landacker). Der Viehbestand ist relativ gering (insgesamt etwa 800 Stück Vieh). Für den Ortsetter werden täglich 80 Liter Milch von auswärts eingeführt; denn der größte Teil der Milch verwendet der Bauer zur Aufzucht von Schweinen, der Rest wird z.T. zu Butter verarbeitet, und nur wenig Milch wird direkt verkauft.
    Das größte Interesse wird im Tal dem Rebbau entgegen gebracht; wird doch der Bauer fast das ganze Jahr hindurch infolge Sorgen und Arbeit in den Reben nicht außer Atem gelassen. Schon im Januar fängt eine sehr schwere, saure Arbeit an: zur Düngung der Reben wird in einem Ruckkorb 80-100 Pfund Mist auf die Abhänge getragen, ausgediente Rebstöcke werden ausgehauen und der Boden durch ein 80 cm tiefes Herumbrechen (Rigolen) für Neuanlagen hergerichtet. Die leichteren Rebarbeiten, wie Schneiden, Ausbrechen, Heften werden von den Frauen besorgt, die nur bei dem dreimaligen Hacken, im Sommer bei steinhartem Boden eine mühselige Arbeit, mithelfen. Das Sticken (Eintreiben eines 2m hohen Pfahles in den Boden) und die ganze Rebschädlingsbekämpfung obliegt wieder dem Mann. Einen großen Aufwand von Arbeitskraft verlangt das Hinauftragen des im Winter oder auch im Sommer durch schwere Regen herunter geschwemmten Grundes. Zehn bis elf verschiedene Arbeiten sind im Laufe eines Jahres in den Rebhängen erforderlich. Zu allem Unglück findet der Rebbauer seinen das ganze Jahr hindurch aufgewandten Fleiß sehr oft nicht belohnt: Hagelschläge, Rebschädlinge, verregnete Sommer vernichten oft innerhalb ganz kurzer Zeit die schöne Hoffnung auf ein gutes Herbsterträgnis.

Fabrik

    Abgesehen von der Arbeitsmöglichkeit in der Landwirtschaft, insbesondere in den Rebbergen, ist nur ein Industriebetrieb, eine Zigarrenfabrik, im Ort, der Gelegenheit bietet, Geld zu verdienen. Am Westende des „Dorfes“, zwischen Bach und Friedhof, 8m unterhalb dieses gelegen, steht die Fabrik, ein länglicher Backsteinbau in Nord- Südrichtung. Der Fabriksaal darf mit seiner Bodenfläche von 278,18 qm und seinem Rauminhalt von 1020 cbm Arbeiter in der Höchstzahl von 95 aufnehmen; zur Zeit arbeiten aber 105 Leute darin. Dem Einzelnen kommen 9,7 cbm Luftraum und ein Arbeitsplatz von 2,62 qm zu. An Fensterfläche sind 10,80 % der Bodenfläche vorhanden.
    Die Arbeitszeit beträgt 50 Stunden in der Woche; der Arbeitslohn ist gering: zwischen 45 und 70 M in 14 Tagen. Ledige und Verheiratete suchen hier eine, wenn auch geringe, Verdienstmöglichkeit.
    Die Wasserversorgung der Fabrik geschieht durch einen Pumpbrunnen im Keller. Dieses Wasser wurde vor kurzem einer chemisch-bakteriologischen Untersuchung unterzogen: Schon die Lokalinspektion ergibt, dass der Brunnen den Vorschriften nicht entspricht; da er unter der Oberfläche liegt, muss das überfließende Wasser stets in einem Eimer aufgefangen werden. Die Arbeiter sind deshalb gezwungen, zum Waschen an den 25 m entfernten Bach zu gehen. Der Schacht besteht aus einer Betonröhre, der 25 cm über den Kellerboden hervorragt und nur mit einem größeren, schweren Stein abgedichtet ist. Der Brunnen ist 35m vom Friedhof und 20 m von einer auszementierten Abortgrube entfernt.
    Die chemische Analyse zeigt, dass in dem Wasser die Chloride in etwas erhöhtem Maße (29 mg), die Nitrate relativ reichlich (14,88 mg) nachgewiesen werden könne. Der geringe Kalipermanganatverbrauch (Oxydation) von 6,69 mg weist aber auf den nahezu völligen Abbau der organischen Stoffe hin, besonders da auch keine salpetrige Säure vorhanden ist. Auch Ammoniak ist nicht nachweisbar. Nimmt man noch das Ergebnis der bakteriologischen Unterschung hinzu (positive Coliprobe und eine Keimzahl von 640), so ist das Wasser als nicht einwandfrei für Trinkzwecke zu bezeichnen. Der Brunnen müsste an einer anderen Stelle, an der Erdoberfläche mit vorschriftsmäßiger Abflussvorrichtung, neu errichtet werden.

Zusammensetzung Berechnungsform

Äußere Beschaffenheit Entnommen am 8.7.29 vorm.

6 Uhr. Farb- und geruchslos, feinflockige Schwebestoffe in nur sehr geringen Mengen vorhanden. Nach der Filtration ist das Wasser klar.

Temperatur und und Reaktion                                   13°C, neutral

Wasserstoffionenkonzentration                                 PH 6,95

Ammoniak                                                                   NH4 0

Salpetrige Säure                                                         NO2 0

Salpetersäure                                                             NO3 stark positiv

1 Liter Wasser enthält: mg:

Abdampfrückstand                                                    297,80

Glühverlust                                                                  30,60

Glührückstand                                                           257,20

Chloride                                                                 C1‘ 29,00

Sulfate                                                                SO4‘‘ 48,35

Silikate                                                              SiO3‘‘ 10,89

Nitrate                                                                 NO3‘ 14,88

Hydrokarbonate                                                HCO3‘ 82,86

Kohlensäure freie                                                 CO2 41,80

Kohlensäure aggressive                                              34,80

Sauerstoff freier                                                   0=16 7,02

Kalipermanganatverbrauch                               KMnO4 6,69

Eisen                                                                         Fe.. 0,24

Kalzium                                                                  Ca.. 42,72

Magnesium                                                              Mg.. 5,81

Gesamthärte                                                                   7,31

Vorübergehende Härte                                                   3,78

Bleibende Härte                                                              3,53

Keimzahl                                                                           640

Coliprobe positiv.


 

VI. Lebensweise

a) Ernährung, b) Kleidung, c) Sport.

 

 

a)  Ernährung

Ebenso wie der Rebbauer, sei er Taglöhner oder großer Hofbauer, in seiner häuslichen Einrichtung einfach, primitiv ist, sich auf das Notwendigste beschränkend, so besitzt er auch in der Auswahl seiner Nahrung keine feinere Kultur. Der Hauptkontingent der Nahrungsmittel wird gestellt durch Kartoffeln, Bohnen, Gelbrüben und durch eine Kohlart; an Fleisch leistet er sich werktags Speck und Schweinefleisch, sonntags in der Metzgerei gekauftes Rindfleisch, das gekocht mit Meerrettich oder als Braten auf den Tisch kommt. Für die Zubereitung der Speisen wird nicht allzuviel Sorgfalt und Liebe verwandt; hauptsächlich aus dem Grund, weil die Bauersfrau, mit Arbeit überhäuft, danach trachtet, möglichst bald fertig zu werden. Bei der Zubereitung wird überall, auch bei der einfachsten Taglöhnerfamilie, darauf gesehen, dass das Essen, Suppe und Gemüse, ordentlich geschmälzt ist; nicht immer verwendet man die beste Qualität für den eigenen Haushalt: die Butter wird verkauft, und als „Schmälze“ dient ein Gemisch von Schweineschmalz und Rindsfett.

An Obst isst der Bauersmann gern gedörrte Birnen, die mit dem Gemüse vermischt, mit Speck versehen, gleichzeitig gekocht werden. Jeder Bauer bäckt sein eigenes Brot, und er ist imstande, ein ausgezeichnetes, wohlschmeckendes Schwarzbrot auf den Tisch zu bringen.

Fünfmal des Tages nimmt er Mahlzeiten zu sich: morgens zwischen 6 und 7 Uhr gibt es Kartoffelsuppe, für die Frauen meist Kaffee mit Schwarzbrot; um 9 Uhr geräucherten Speck mit Brot, Quarkkäse, Kartoffelsalat oder ein Bohnengericht in Form von Bohnensalat („saure Bohnen“) oder Ölbohnen, die aus einer gemeinsamen Schüssel gegessen werden; dazu Apfelmost, sog. Trunkwein, ein leichtes alkoholisches Getränk mit einem Alkoholgehalt von 2-3%. Zum Mittagessen erhält er zuerst eine Suppe (Kartoffel, Haferflocken, Graupen), hierauf Speck im Gemüse gekocht; zwei Tage in der Woche sind fleischlos, wobei es dann Bratkartoffeln mit Milch, Gelbrüben mit Kartoffeln oder ein Bohnengericht gibt; dazu den obligaten Apfelmost. Zum Vesper wird nochmals das übriggebliebene, aufgewärmte Mittagessen aufgetragen; der Tag wird um 7 Uhr mit einer Suppe oder einer Tasse Kaffee geschlossen.

Die Lebenshaltung im Essen passt sich nicht der Jahreszeit an: im Sommer wird derselbe fette Speck gegessen wie im Winter. Eine eigentümliche Trinksitte verdient besonderer Erwähnung: bei drei Mahlzeiten wird der Apfelmost getrunken. Aus einem großen Weinkrug schenkt der Bauer ein einziges Glas ein; nachdem er und seine Frau daraus getrunken, gibt er es an den Oberknecht weiter, stets der Rangordnung nach; vom Knecht geht’s zur Obermagd und zu den Mägden; ist das Glas leer, wird es zum Füllen dem Bauer gereicht. Diese Sitte, aus ein und demselben Glas zu trinken, tritt auch noch in der Wirtschaft zutage: sitzt da ein Bauer und trinkt seinen Wein, so bietet er einem neu hinzukommenden Freund oder Verwandten zum Gruß und als Zeichen seines Wohlwollens das Glas zum Trinken an; schlägt der Betreffende dieses Anerbieten aus, so würde ein solches Verhalten direkt beleidigend wirken. Dass durch diese Trinksitte eine ansteckende Krankheit übertragen werden kann, steht außer Zweifel; kommt es doch nicht selten z.B. bei Grippezeiten vor, dass auf einen Schlag sämtliche Hausbewohner: die ganze Bauernfamilie, Knecht und Mägde, an Grippe erkranken. Nach dem Kriege, als auch auf dem Lande die Geschlechtskrankheiten in erhöhtem Maße auftraten, ist diese Trinkweise erst recht gefährlich geworden. In letzter Zeit fangen einige wenige Familien damit an, jedem Tischgenossen sein eigenes Glas zu geben.

Dass dem Alkohol, in einem Rebort, in dem eine so gute Sorte wie gerade in Durbach wächst und gepflanzt wird, und in welchem der Erlös des verkauften Weines für den wirtschaftlichen Wohlstand eines Jeden von ausschlaggebender Bedeutung ist, eine besondere Wertschätzung entgegen gebracht wird, und sich auch bestimmte Meinungen über die Güte und Wirkungen des Alkohols gebildet haben, ist nicht verwunderlich; der Gesunde trinkt Wein, damit er kräftig wird und mehr Arbeit leisten kann, der Kranke, damit er nicht „verschwächt“; selbst ganz kleinen Kindern wird dieses „Stärkungsmittel“, falls sie krank werden, nicht vorenthalten.

Wenn der Knecht frühmorgens zur Arbeit geht, so bekommt er zuerst ein Glas Schnaps (50-100 ccm); würde der Bauer dem Knecht keinen Schnaps zukommen lassen, so bliebe kein Knecht bei solch einem Arbeitgeber. Es ist dieses morgendliche Schnapstrinken, oft auch am Schlusse der Arbeit vor dem Schlafengehen, alte Tradition und gilt sillschweigend zum Arbeitsvertrag gehörend. Der Rebbauer selbst trinkt meist erst am Abend und am Sonntag den Rebwein, im Übrigen nur den leichten Apfelmost. Der Wirtshausbesuch ist nach dem Kriege stark zurückgegangen, teils aus finanziellen Gründen, teils auch deshalb, weil der Rebbauer zu Hause besseren Wein trinkt als im Gasthaus; denn der vom Bauer dem Wirt gelieferte Wein hat beim Durchgang durch den Wirtskeller eine Wandlung durchgemacht, sodass oft der Lieferant sein eigenes Erzeugnis nicht mehr erkennt.

Wenn der auf steilen, heißen Berghängen arbeitende Rebmann durch kleine Alkoholmengen, wie sie im Apfelmost enthalten sind, eine Steigerung und Ausdehnung seiner Arbeitsleistungen erzielen will, so ist das leicht verständlich; vollkommen zu verwerfen ist aber, wenn man Schulkindern und solchen Kindern, die gerade Laufen gelernt haben, Wein, und nicht nur Apfelwein, zum trinken gestattet; ist sogar manchmal einzelnen Kindern der Schnaps kein unbekannt schmeckendes Getränk mehr.

Nachdem ich im Laufe der letzten sieben Jahre von 1922-1929 Gelegenheit hatte, die Wirkungsweise des Alkohols auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung Durbachs kennen zu lernen, muss vor allen Dingen die große individuelle Verschiedenheit der Reaktion des menschlichen Organismus auf den Alkoholgenuss, wie es ja auch anderswo bekannt ist, erwähnt werden; der eine verträgt die gleiche Menge Alkohol bis zum 60. Lebensjahr ohne gröbere Schädigung, während ein anderer schon im Laufe des 5. Jahrzehnts an einer Lebercirrhose, usw. zu Grunde geht. Es kamen in den Jahren 1922-29 in ärztliche Behandlung: 3 Alkoholdelirien, 4 Lebercirrhosen; 2 Alkoholiker mussten in die Trinkerheilanstalt; am häufigsten tritt die Gastritis auf in Gestalt des morgendlichen Erbrechens. Als Arzt und als einzelner kämpft man vergebens gegen die falschen Anschauungen über die Wirkung des Alkohols auf den Körper; verbietet man als Arzt einem erkrankten Durbacher den Wein, so hat man schon 90% der Heilungsmöglichkeiten verscherzt. Eine Änderung der traditionellen Ansichten über den Alkohol ist vielleicht im Laufe der Jahre durch eine eingehende, systematische Belehrung und Aufklärung in der Volks- und in der Fortbildungsschule durch Lehrer und Arzt zu erzielen; ein Anfang dazu ist bereits gemacht.

b)  Kleidung

Auch die Kleidung ist nach Bauernart einfach und primitiv, bei manchen so lange getragen, bis der geflickte Fleck selbst fadenscheinig wird. Die Frauen tragen auf einem leinenen Hemd einen wollenen Unterrock mit Leibchen, darauf einen wollenen Rock mit einem Mieder; Leibchen und Mieder sind über der Brust stets eng geschnürt. Ein Arbeitsschurz, ein Halstuch, das bei der Arbeit in der Sonne als Kopftuch verwandt wird, wollene Strümpfe und Holzschuhe vervollständigen die Kleidung, Unterhosen wurden bisher nicht getragen; erst die junge Generation „gewöhnt“ sich allmählich daran. Während auf die Werktagskleidung wenig Wert gelegt wird, so achtet man auf einen schönen Sonntagsputz umso mehr. Die Durbacher Nationaltracht zeichnet sich durch folgende Eigentümlichkeiten aus: erstrebt wird im Allgemeinen ein vollschlanker Typus; man kleidet sich also sonntags dicker, zieht gegebenenfalls ein oder zwei Unterröcke mehr an, grellrote oder blaue mit schwarzem Saum; darüber einen schwarzen Oberrock mit Mieder. Der Hauptwert wird auf die schwarzseidene Schürze gelegt, auf das vielfarbige Halstuch, indem Ziegelrot vorherrscht, mit schwarzer Beränderung, sowie auch auf den kostbaren, goldgestickten Kopfputz, eine Kappe, die etwa den Wert von 200 M besitzt.

Der Bauer trägt werktags die übliche Arbeitskleidung: Kittel, Hemd und Hose. Sonntags zeigt er sich in Tracht, gekennzeichnet durch die rote Weste, durch schwarze Hose und kurzen schwarzen Rock. An hohen Festtagen trägt er einen langen, schwarzen, mit rot ausgefütterten Umschlägen versehenen Gehrock. Als Kopfbedeckung dient eine Fuchspelzmütze oder ein niederer, breitrandiger, schwarzer, steifer Hut.

c) Sport

Da die Bauern von ihrer Arbeit stark in Anspruch genommen sind, bleibt für andere Interessen wie Sport wenig übrig. Erst nach dem Kriege fand der Sport auch Eingang in das kleine Schwarzwaldtal. 1921 wurde ein Turnverein gegründet, der z.Z. 30 aktive Turner zählt. Ein Turnlokal, das bis jetzt in dem Keller der Kinderschule notdürftig eingerichtet war, soll jetzt auf dem Schulhausturnplatz durch den Turnverein in Verbindung mit der Gemeindebehörde erstellt werden. Auf dem Turnplatz, 35 Ar groß, im Unterweiler, 1,5 km vom Ortsetter entfernt, werden Fuß- und Handball gespielt. Durch Stauung des Wassers im Durbach hat sich die junge Mannschaft die so dringend notwendige Badeanstalt als sehr primitiven Notbehelf geschaffen. Die Turnstunden finden im Sommer einmal wöchentlich, im Winter zweimal statt. Das Interesse hat in letzter Zeit nachgelassen, das Kunstturnen an Reck und Barren gerät immer mehr ins Hintertreffen, während Handball und Streckenlaufen leidenschaftlich von einzelnen geübt und gespielt wird.

Ein zweiter Sportplatz, der dem katholischen Burschenverein gehört und hauptsächlich als Fußballplatz dient, wurde 1929 am Westausgang des Dorfes eingerichtet.

 

VII.   Siedelungsweise und Bauart

Von den 2.249 Einwohnern Durbachs sind etwa nur 600 in einem mehr oder weniger geschlossenen Ortsteil, im Ortsetter, zusammengefasst. Kirche, Schule, Rathaus, Handel und Gewerbe sind hier vereinigt, während mit geringen Ausnahmen die Bauernschaft in zahlreichen Einzelhöfen, Weilern und Zinken auf der ganzen Gemarkung verteilt, sind. Dem Bachlauf entlang, gleich nahe am Quellengebiet, am Mooskopf, beginnend, ziehen sich mit vereinzelten Unterbrechungen die Häuser und Gehöfte hin bis zum Eintritt in die Ebene bei Ebersweier; die meisten Höfe verteilen sich aber in den kleinen Seitentälchen des Durbach, einzeln oder zu mehreren zusammen gelegen. Da die Streusiedelung in Form von Weilern, Zinken und Höfen vorherrscht, und ferner weil der Waldbau andere Einrichtungen verlangt als die Bearbeitung von Rebanlagen, konnte sich eine einheitliche Bauweise nicht durchsetzen. Bald sind die Höfe kleiner oder größer, je nach dem Umfang des Besitzes, bei den älteren bzw. ganz alten Häusern ist alles noch klein, niedrig, eng beisammen; die neueren, nach einem Brand oder wegen Baufälligkeit wieder neu hergerichtet, lassen überall mehr Licht und Luft herein, Zimmer und Fenster sind größer, freundlicher, das Ganze Wohn- und Ökonomiegebäude sauberer eingerichtet.

Im Stab Gebirg sieht man noch typische Schwarzwaldhäuser mit den festen Grundmauern, dem meist einstöckigen Holzaufbau. Die Galerie und das Walmdach geben dem Haus das charakteristische Gepräge. Wohnung, Scheune, Stallung sind unter einem Dach. Doch findet aber auch hier schon ein allmählicher Übergang zu den Hausformen der Ebene statt, zum Fachwerkbau, den der Verkehr mit der Rheinebene hereingebracht hat. Im Stab Gebirg werden mit einer einzigen Ausnahme keine Reben angepflanzt; der Wald liefert Arbeit und Verdienst; an steilen Halden pflanzt der Bauer seine Kartoffeln, holt er von seinen Obstbäumen Kirschen und Äpfel, ein gutes Erträgnis und baut sein Getreide auf dem Reutfeld.

Im Stab Heimburg und Bottenau beherrscht der Weinbau das ganze Leben und Treiben des Bauern. Boden und Klima haben im Verein mit dem Fleiße des Rebmannes eingesegnetes Weinland geschaffen. Bauweise und Lebensart sind in diesen zwei Stäben fast einander gleich. Die Höfe zeigen in ihrer Fachwerk-Bauweise ein sehr malerisches Bild. Auf gut gemauerten Kellerunterbauten mit bogenumrahmten Kellereingängen erhebt sich ein ein, - selten zweistöckiges Fachwerkhaus. Das Füllmaterial zwischen den einzelnen Balken ist entweder Backstein oder bei den alten Häusern vielfach Lehm. Beim Eintritt in das Haus trifft man zuerst einen Flur, Hausgang, von dem man geradeaus in die Küche, nach links in die Wohnstube, von da in die Schlafkammer gelangt, die wieder mit der Küche in Verbindung steht; im zweiten Stock, also schon im Dachstuhl, sind Zimmer notdürftig ausgebaut, die als Schlafzimmer für Kinder, Verwandte und Knechte dienen. Knechte und Mägde kann man gelegentlich sehr schlecht untergebracht finden: ihre Schlafstelle befindet sich auf dem Speicher zwischen den schrägen Dachwänden, zwischen uraltem, verstaubtem Hausrat, Truhen und Schränken, ohne jegliche Heizgelegenheit, mit mangelhaftem Zutritt des Tageslichtes.

    Wenn wir vom Flur in das Wohnzimmer treten, so sind wir im größten Raum des Hauses; in der Stube, worin die Mahlzeiten eingenommen, manche Hausarbeiten bei Regenwetter verrichtet werden. Der blank gescheuerte Fußboden zeigt je nach dem Alter mehr oder weniger große Spalten zwischen den einzelnen Brettern, in denen sich Ungeziefer, besonders Flöhe, einnistet; meist ist der Boden stark ausgetreten. Die Wände sind bis zu einer Höhe von 1 m bis 1,20 m mit Holz verschalt; der übrige Teil und die Decke gekalkt, ganz selten sind die Wände tapeziert. Die Zimmer sind meist sehr niedrig, die Höhe schwankt zwischen 1,90 m und 2,20 m; die übrigen Maße sind zu uneinheitlich, um ein klares, typisches Bild von der Wohnungsgröße zu geben; im allgemeinen kann man aber sagen, dass sie meist zu klein sind. Auch Anzahl und Größe der Fenster sind nicht ausreichend für genügende Erhellung und Durchlüftung der Zimmer. Seit dem Kriege ist überall elektrisches Licht eingerichtet. Ein Kachel- oft auch ein eiserner Ofen erzeugt im Winter überreichlich Wärme. In kalten Jahreszeiten werden die Zimmer nur ungenügend gelüftet, auch vermischt sich noch die schlechte, verbrauchte Luft der Schlafkammer mit der der Stube. Dem Mobiliar, ziemlich primitiv, beschränkt sich auf Bänke, Tisch, ganz wenig Stühle, selten noch eine Art Vitrine und ein verschließbares Schreibpult für den Hausherren.
    Das Schlafzimmer ist durchweg kleiner als die Stube, der Luftgehalt nicht ausreichend für die Bewohner; denn außer den Eltern schlafen meist noch drei oder vier Kinder darin, von denen eines oder auch zwei bei den Eltern, die anderen allein oder zu zweit in einer kleinen Bettstatt liegen. Man trifft noch sehr viele Strohbetten an, eigentümlicherweise auch bei solchen Bauernfamilien, die sich eine bessere Schlafstätte leisten könnten; besonders unangenehm machen sich die Strohbetten bei einem längeren Krankenlager bemerkbar: die Betten werden bald hart, das Aufschütteln hat meist keine nachhaltige Wirkung und erzeugt unnötig viel Staub. Wände und Decke sind gekalkt. Geheizt werden die Schlafkammern von der Stube aus; ein oder zwei Fenster dienen zur Erhellung und Lüftung des Zimmers. Oft ist auch kein Schrank vorhanden, um die Kleider darin aufzuhängen; entweder werden die Kleidungsstücke an Türe oder Wänden aufgehängt, oder man benutzt sie nachts zum Zudecken. Um die Mängel der schlechten Schlafverhältnisse zu verschleiern, wird ein erkranktes Kind meist in Mutters Bett gelegt und darin Tag und Nacht betreut. Diese Missstände, das Zusammenliegen in einem Bett, könne, so verwerflich und unhygienisch sie sind, doch nur sehr schwer beseitigt werden, teils aus Raummangel, teils aus finanziellen Gründen, schließlich auch infolge einer gewissen Indolenz!
    Vom Schlafzimmer gelangt man in die Küche, einen Raum, dessen Boden aus großen Steinplatten, in neuester Zeit aus Terrazzo besteht, dessen Wände und Decke gekalkt, meist aber infolge starker Rauchentwicklung durch die Herdfeuerung geschwärzt sind.
    Die Abwässer der Küche fließen auf den Hof in die Dunggrube hinaus, oder auf die in nächster Nähe liegenden Wiesen und Felder.
    Neben der Küche, aber ohne Verbindung mit dem Wohnhaus, ist das Ökonomiegebäude angebaut und zwar in der Reihenfolge: Futtergang, Stallung, Scheune; oberhalb Futtergang und Stallung ist das Heu untergebracht; in der Scheune wird Holz, Acker- und Gartengeräte aufbewahrt.
    Die Abortanlagen sind stets außerhalb des Hauses angebracht; in der Regel stehen sie in Verbindung mit der Stalldunggrube: ein altes, einfaches Bretterhäuschen mit oft sehr undichter Bretterabdeckung nach der Grube zu. Die Dunggruben selbst sind fest ausgemauert, selten auszementiert.
    Zu einem Durbacher Schwarzwald- bzw. Rebbauernhaus gehört außerdem noch das Brennhaus, das in einigen Metern Entfernung vom Bauernhaus steht, die Brennerei und den Backofen enthält, sowie auch für die große Wäsche dient. Als Trink- und Brauchwasser haben die in den Seitentälchen liegenden Höfe gutes Quellwasser zur Verfügung, das in einer Brunnenstube aufgefangen und auf den Hof als fließendes Wasser in einen Brunnentrog geleitet wird; in der Küche wird das Wasser aus einem Zapfhahnen entnommen. Weniger gut sind die in der Talsohle liegenden Höfe daran. Viele von diesen benutzen das Grundwasser mittels Pump- oder Schöpfbrunnen. Nicht immer ist der Abstand der Wasserentnahmestelle von der Dunggrube oder dem Abfallgraben hinreichend groß; eine chemisch-bakteriologische Durchuntersuchung der verschiedenen privaten Pump- und Schöpfbrunnen würde manch ungünstiges Resultat liefern, wie wir das bei der Untersuchung der öffentlichen Brunnen im Ortsetter sehen.

 VIII.   Der Ortsetter


Durbach ist kein gewerbetreibender Ort; mit Ausnahme einer Zigarrenfabrik mit z.Z. 108 Arbeitern ist keine Industrie vorhanden. Neben Kirche, Pfarrhaus, Schule, Lehrerwohnungen, Rathaus, Arzthaus hat der geschlossene Ortsteil folgende Betriebe aufzuweisen: 5 Gasthäuser, 2 Metzgereien, 3 Bäckereien, 6 Spezereiwarenläden, 2 Schmiede, 2 Schreiner, 2 Wagner, mehrere Schumacher, Schneider, Maurer und Küfer; es sind also nur die sg. Bedürfnisgewerbe vorhanden. Der Ortsetter, in dem diese Gebäude und Betriebe liegen, ist talaufwärts etwa 1,5 km vom Taleingang entfernt, zwischen den rebenbewachsenen Abhängen des Steinberg im Norden und des Kochberg im Süden, zu beiden Seiten des Durbach. Die Länge dieses Ortsteiles beträgt vom Lindenplatz im Osten bis zum Grol im Westen 400 m. Die eine Reihe der Häuser steht auf der rechten Seite des Durbach auf einem engen Zwischenraum zwischen der Straße und dem Bergabhang, die andere auf der linken Seite des Baches, mit der Straße durch zahlreiche Stege verbunden. Die Häuser sind keine Reihenhäuser, jedes einzelne ist für sich gebaut, vom Nachbar durch einen kleinen Garten, Pfad oder Abwassergraben getrennt. Schöne Fachwerkhäuser begrenzen die Straße, nur vereinzelte neuere Häuser: Geschäftshäuser, Wirtschaften, neuere Wohnhäuser sind aus Bruch- bzw. Backsteinen erbaut. Ein einheitlicher Typus ist nicht festzustellen, den größeren Häusern entsprechen geräumigere, freundlichere Zimmer, ebenso sind umgekehrt in den kleinen Häuschen oft sehr kleine Wohnräume, alles mehr zusammengedrängt, anzutreffen. Die meisten haben irgend einen kleineren landwirtschaftlichen Betrieb: Schweine, Ziegen oder gelegentlich auch eine oder zwei Kühe mit Bewirtschaftung ländlicher Grundstücke. Von wenigen Häusern abgesehen, stehen auch hier die Abortanlagen in Verbindung mit der Dunggrube; diese selbst genügen einer vorschriftsmäßigen Anlage nicht mehr, sei es dass die Gruben von Anfang an schlecht ausgemauert waren, oder erst im Laufe der Zeit undicht geworden sind. Die Abwässer aus den Küchen werden in den Durbach geleitet, sie fließen zuerst oberflächlich zwischen zwei Häusern und dann durch Röhren in den Bach. Auch von den zwei Metzgereien werden die Abwässer dem Durbach zugeführt.

IV.   Wasserversorgung des Ortsetters

Das Trink- und Brauchwasser wird zu einem Teil aus dem Durbach geholt, obwohl der Bach auch zur Aufnahme der Abwässer dient. Verschiedene haben sich dadurch mit Wasser versorgt, indem sie in ihrem Keller einen Schachtbrunnen gegraben haben, meist den hygienischen Anforderungen in keiner Weise genügend, da oft nur wenige Meter von der undichten Abortgrube entfernt; in der Hauptsache stehen aber mehrere öffentliche Pumpbrunnen zur Verfügung: I. beim Rathaus, II. bei der alten Sonne, III. beim Pfründnerhaus, IV. beim Arzthaus. Die Häusergruppe beim Lindenplatz und verschiedene Häuser bei der Kirche, die sog. Steingasse haben sich mittels einer Wasserleitung Quellwasser verschafft. Die meisten Haushaltungen des Ortsetters sind aber auf die öffentlichen Pumpbrunnen angewiesen, oft auch die mit privaten Brunnen, weil nicht selten der Brunnen im Keller zusammenstürzt oder ungenießbares Wasser liefert. Diese vier Pumpbrunnen wurden einer eingehenden Inspektion, chemischen und bakteriologischen Untersuchung unterworfen.

    Allgemein sei Folgendes vorausgeschickt: bei schwerem Regenwetter liefern alle vier Brunnen stark getrübtes, undurchsichtiges, mit zahlreichen, gelblich braunen Schwebestoffen durchsetztes Wasser. Beim Stehen setzt sich Sand und etwas Schlamm ab. Nach zwei bis drei Tagen ist dann das Wasser wieder hell, klar, ohne viele Schwebestoffe. In trockenen heißen Sommermonaten kann der Grundwasserspiegel so sinken, dass den Brunnen das Wasser ausgeht, während in recht kalten Wintern die Brunnen zufrieren. Der Grundwasserstand beträgt im Durchschnitt 2 m. In regenreichen Monaten kann es vorkommen, dass das Grundwasser in verschiedenen Kellern zutage tritt und dann herausgepumpt werden muss. Sämtliche Schachtbrunnen haben eine Weite von 1 m und eine Tiefe von ca. 4 m; besitzen einen erhöhten Brunnenkranz, der in der Mitte durch einen horizontal gelegenen Eisendeckel den Schacht abdichtet.




Lokalinspektion

Der Brunnen liegt nur 7 m von einem Misthaufen und einer Dunggrube entfernt. Da diese Stelle noch etwas erhöht liegt, ist die Möglichkeit einer Verunreinigung von vornherein gegeben. Der Brunnen ist 4 m tief und ausgemauert; wie das Untersuchungsergebnis zeigen wird, besitzt er eine zu geringe Tiefe und eine schlechte, mangelhafte Ausmauerung. Schon nach der Lokalinspektion dürfte der Brunnen an dieser Stelle nicht stehen bleiben.




Lokalinspektion

Wie aus obigem Plan ersichtlich, liegen um diesen Brunnen in nächster Nähe drei Aborte, drei Misthaufen und zwei Stallungen. Der nächste Misthaufen ist nur 5 m entfernt. Außerdem umgeben ihn zwei Rinnen, die Küchenabwässer und überlaufenden Pfuhl in den Bach führen. Der Brunnen ist mit Bruchsteinen schlecht ausgemauert. Der Brunnenkranz ist undicht, sodass mit Leichtigkeit bei Regenwetter Oberflächenwasser, das Pfuhlabwasser mitschwemmen kann, hineingelangt; außerdem kann unterirdisch reichlich von allen Seiten verunreinigtes Wasser und Jauche „hineinströmen“. Der Brunnen dürfte an einer solchen Stelle nicht stehen.
    An diesem Brunnen werden auch noch die für die Rebschädlingsbekämpfung erforderlichen Flüssigkeiten (Kupfervitriol, Kalkwasser) zubereitet, sodass auch von diesen Stoffen stets ein gewisser Teil in den Schacht gelangt.

Lokalinspektion des Pfründnerhaus-Pumpbrunnens.

Der Brunnen liegt 8,5m vom Pfründnerhausabort und 4 m von einem Schweinestall und einem Misthaufen entfernt. Der Abort ist gut auszementiert, die Dunggrube dagegen undicht. Der erhöhte Brunnenkranz ist frisch zementiert; trotzdem besteht immer noch die Möglichkeit, dass Oberflächenwasser den Brunnen zusammen mit dem Pfuhlablauf verunreinigen kann. Sobald der Schweinestall von dem Brunnen weiter entfernt wird, kann die Gefahr der Verunreinigung mit organischen Stoffen vermindert bzw. aufgehoben werden. Eine wiederholte chemische und bakteriologische Untersuchung wäre hier erforderlich.

Lokalinspektion

Der Brunnen steht 4m vom Durbach entfernt; in der näheren Umgebung befinden sich keine Misthaufen oder Dunggruben. Die Abwasseranlage im Hofe der Metzgerei ist neu und gut auszementiert. Die Brunnenwand besteht aus Betonröhren von 1m Durchmesser; er ist 4m tief mit einem Grundwasserstand von 2m. Der erhöhte, zementierte Brunnenkranz ist undicht, sodass bei Wolkenbrüchen stets Oberflächenwasser hineingelangt. Z.Zt. ist auch das Abwasserrohr unter der Straße verstopft; mit einer Verunreinigung durch organische Stoffe wird der Brunnen nicht allzu-lange mehr auf sich warten lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ergebnis der chemisch-bakteriologischen Untersuchung:

Zusammensetzung

Berechnungsform

Wasser aus dem Rathausbrunnen

Wasser aus dem Alte-Sonnenbrunnen

Äußere Beschaffenheit

 

Schwach gelblich gefärbt, feinflockige, grauweisse Schwebestoffe in sehr geringen Mengen vorhanden. Nach dem Filtrieren bleibt eine schwach gelbliche Färbung bestehen. Geruch- u. geschmacklos

Schwach gelblich gefärbte, feinflockige Schwebestoffe in sehr geringen Mengen vorhanden. Nach dem Filtrieren bleibt eine schwach gelbliche Färbung bestehen. Geruch-u.geschmacklos

Entnommen am:

 

23.6.29 9Uhr vorm.

1.7.296Uhr vorm

Temperatur

 

13°C.

12,5°C

Reaktion

PH

neutral

Neutral

Wasserstoffionenkonzentration

NH4.

7,02

7,20

Ammoniak

NO2

0

Deutlich positiv

Salpetrige Säure

NO3

Schwach positiv

Schwach positiv

Salpetersäure

 

Stark positiv

Stark positiv

Ein Liter Wasser enthält mg:

 

 

 

Abdampfrückstand

 

711,40

787,40

Glühverlust

 

81,40

79,60

Glührückstand

 

630,00

708,20

Chloride

C1‘

94,00

100,00

Sulfate

SO4‘‘

90,94

108,64

Silikate

SiO3‘‘

23,04

22,28

Nitrate

NO3

38,17

49,91

Hydokarbonate

HCO3

76,49

13,38

Kohlensäure

 

 

 

Freie Kohlensäure

CO2

67,10

77,00

Aggressive

CO2

54,60

52,00

Sauerstoff freier

O=16

3,65

4,22

Kaliumpermanganatverbrauch

KMnO4

18,39

22,12

Eisen

Fe..

0,10

0,20

Kalzium

Ca..

77,90

76,71

Magnesium

Mg..

12,31

11,00

Ammoniak

NH4.

0

0,90

Gesamthärte

Dtsche Härtegrade

13,73

13,25

Vorübergehende Härte

1 D.H.=10,0

3,50

0,61

Bleibende Härte

Mg CaO.

10,23

12,64

Keimzahl

 

810

2100

Coliprobe

 

positiv

positiv

    Die vorstehenden Resultate der chemischen Untersuchung zeigen, dass von den vier untersuchten Brunnenwasserproben die bei dem Rathaus und der Alten-Sonne gelegenen Brunnen als verunreinigt anzusprechen sind auf Grund ihres hohen Gehaltes an Chlorionen, Nitrationen sowie der erhöhten Kaliumpermanganatverbrauches. Weiterhin ist für die Beurteilung der Verunreinigung der beiden Brunnen die Anwesenheit von Nitritionen von Wichtigkeit. Das Brunnenwasser aus dem Pumpbrunnen „Alte-Sonne“ zeigt den höchsten Grad der Verschmutzung; denn hierbei ist noch Ammoniumion in nicht unerheblicher Menge nachweisbar, das, wie bekannt, überhaupt nicht, oder wenn durch besondere Umstände vorhanden, höchstens in Spuren (0,05mg pro Liter) nachweisbar sein darf.
        Der verhältnismäßig hohe Gehalt an Nitrationen des Brunnenwassers beim Pfründnerhaus beweist, dass hier eine nicht unerhebliche Zersetzung der das Wasser verunreinigenden, stickstoffhaltigen Substanzen stattfindet durch die biologische Tätigkeit der teils im Boden, teils im Wasser vorhandenen Mikoorganismen; diese Tätigkeit wird aber schließlich bei dauernder starker Inanspruchnahme der Kleinlebewesen beeinrächtigt, Ammonium- und Nitritionen werden alsdann auftreten, wodurch das Wasser unter allen Umständen vom Genusse auszuschließen ist. Schon die jetzige Form der Zusammensetzung dieses Wassers kann durchaus nicht als ideal für ein gutes, brauchbares Trinkwasser bezeichnet werden.
    Alle Wässer enthalten relativ große Mengen an aggressiver Kohlensäure. Dem Eisengehalt der Wässer ist keine weitere Bedeutung zuzusprechen. Was die Härte betrifft, so sind die Wasserproben vom Pfründner- und vom Arzthausbrunnen als weich, die beiden anderen als ziemlich hart zu bezeichnen.
    Es bleibt somit von den 4 untersuchten Wasserproben der öffentlichen Pumpbrunnen nur noch eine übrig – vom Brunnen beim Arzthaus, die den chemischen Anforderungen, welche an ein gutes Trinkwasser gestellt werden, genügt.
    Durch die bakteriologische Untersuchung des Arzthausbrunnens, die eine sehr hohe Keimzahl (2500) und eine positive Coliprobe ergab, scheidet auch dieses Wasser als hygienisch einwandfrei aus. Eine zweite bakteriologische  Untersuchung änderte an dem Ergebnis der ersten nichts: man erhielt auch wieder eine positive Coliprobe und eine Keimzahl von über 2000.
    Das Ergebnis der bakteriologischen Untersuchung der übrigen drei Brunnenwässer ergänzt würdig den chemischen Befund.
    Nimmt man das Resultat der Lokalinspektion noch hinzu, so ist festzustellen, dass der Arzthausbrunnen sicher durch Oberflächenwasser, die drei anderen außerdem noch mit Mist- oder Abortjauche verunreinigt werden.
    Die Folge dieser Unersuchungsergebnisse wäre, dass man den Rathaus- und den „Alte-Sonnebrunnen“ schließen, die beiden anderen unter eine ständige Kontrolle stellen müsste. Können aber die Hausfrauen an den Pumpbrunnen kein Wasser holen, so schöpfen sie es aus dem Bach, der indessen durch die Küchenabwässer und durch überlaufende Jauchegruben nicht weniger verunreinigt ist. Eine Maßnahme, die Brunnen an einer anderen Stelle zu errichten, schlug auch meistens fehl, indem das Wasser nach einiger Zeit sich ebenso zu verunreinigen beginnt wie das frühere.
        Diese schweren Übelstände in der Trinkwasserversorgung im Stab Heimburg sind er Gemeindebhörde und auch den höheren Stellen längst bekannt. Schon seit dem Jahre 1892 besteht das Bestreben, diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen und Durbach eine hygienisch einwandfreie Trinkwasserversorgung zu geben. Im Jahre 1892 richtete ein aus Durbach stammender Professor namens Reichert ein Schreiben an den Gemeinderat, worin er auf die schlechten Trinkwasserverhältnisse hinwies und 2000 M unentgeltlich zur Verfügung stellte, wenn 5 öffentliche, laufende Brunnen an bestimmten Stellen im geschlossenen Ortsteil errichtet werden. Der Gemeinderat ersuchte die Kulturinspektion in Offenburg um ein Gutachten, das sich dahin äußerte, nachdem vorher di Möglichkeit 5 laufende Brunnen zu errichten untersucht worden war, dass Wasser für 5 Brunnen nicht zu beschaffen sei, dagegen eine Wasserleitung mit Ventilvorrichtung für 4 Brunnen mit Quellwasser aus dem Sendelbach; der Kostenaufwand betrage 6-8000 M. Da aber der Plan nicht mit der nötigen Energie vorwärts getrieben wurde, von Seiten der Gemeinde keine allzu große Lust vorhanden war, schlief die ganze Angelegenheit wieder ein.
        Erst 1902 wurde die Trinkwasserfrage wieder aufgeworfen und zwar bei Gelegenheit der Versorgung des Schulhauses und des Pfründnerhauses mit Trink- bzw. Quellwasser. Wiederholt war diese Frage von der Verwaltungsbehörde angeregt worden; es war festgestellt worden, dass der Schulhauspumpbrunnen schlechtes Wasser lieferte. Die Kulturinspektion nahm sich dieser Angelegenheit an und stellte die Notwendigkeit fest, dass Quellen ausfindig gemacht würden, die für das Schulhaus gutes und genügendes Trinkwasser lieferten. Es wurden mehrere Quellen geprüft: im Sendelbach, am Kochberg, im Lautenbach, Ergersbach, Stürzelbach, Heimbach; die Ergiebigkeit war 0,14 – 0,80 Sek.Liter im Durchschnitt, die Entfernung 0,6 – 1,5 km. Der Gemeinderat ließ aber den Pumpbrunnen reparieren, sodass am 7.11.02 die Kulturinspektion an das Bezirksamt berichten musste:  „auf die Zuleitung von Quellwasser nach dem Schulhaus werden wir nach Ansichtsäußerung des Gemeinderates verzichten müssen…“ Eine Untersuchung des Schulhauspumpbrunnens am 1.1.03 ergibt eine undurchsichtige, gelb-braune Jauche, auch frühere Proben seien stark getrübt gewesen. „Ich wiederhole,“ heißt es in dem Bericht des Bezirksarztes weiter, „meinen früheren Antrag, die Gemeindebehörde veranlassen zu wollen, für die dortige Schule gutes Trinkwasser herbeizuschaffen“. Die Gemeindebehörde löst die Trinkwasserfrage in einem Bericht vom 23.1.03, worin es heißt, dass der Brunnenmacher H. aus Bohlsbach mit der Ausführung des Brunnens beauftragt ist und die Verbindlichkeit übernimmt, für die Lieferung von klarem, frischem Wasser.
        Bis 1908 wurden keine weiteren Schritte unternommen; in diesem Jahre kaufte die Gemeindebehörde eine Quelle im Sendelbach für die Trinkwasserversorgung des Schulhauses; bis heute fließt die Quelle unbenutzt ab. Die gesundheits-polizeilichen Ortsbereisungen ergaben immer wieder die schlechte, allgemeine Wasserversorgung; am 21.7.08 erwähnt dies der Medizinalreferent des Ministeriums des Innern: „… diesem Übelstand der mangelhaften Trinkwasserversorgung schreibt es der Bezirksarzt hauptsächlich zu, dass in den Orten …… Durbach Typhus relativ häufig vorkomme.“ Und am 24.10.1911 berichtet der Bezirksarzt: „Besondere Aufmerksamkeit verdient das Wasserversorgungswesen, das z.T. sehr im Argen liegt und in zwei Ortsteilen auch von privater Seite kaum oder nur sehr schwer geregelt werden kann, sodass Gruppenbildung anzustreben ist.“ Daraufhin machte das Bezirksamt einen energischen Vorstoß und gab der Gemeindebehörde Folgendes kund: „Die gesundheitspolizeiliche Ortsbereisung im Jahre 1911 hat ergeben, dass die Wasserversorgung von Durbach äußerst mangelhaft ist.“ Nach Aufzählung der beanstandeten Brunnen heißt es weiter: „Bei dieser Sachlage wird es kaum verwunderlich erscheinen, wenn etwa 35, die Wasserversorgung der Ortsteile betreffende Auflagen in Vorbereitung sind, von denen allein 8 die Erstellung neuer Brunnen, 12 die Umänderung vorhandener Schöpfbrunnen in Pumpbrunnen und die übrigen größere Ausbesserungen vorsehen. Vom Erlassen genannter Auflagen wurde abgesehen, um zunächst einer allgemeinen Lösung der Wasserversorgung näher zu treten. Die Herstellung einer Gemeindewasserleitung wird als das einzig Richtige zur Beseitigung der vorhandenen Mißstände angesehen. Würde die Gemeinde wider Erwarten einen verneinenden Standpunkt einnehmen, so müssten oben erwähnte Auflagen erlassen werden, deren längere Zurückhaltung sich nur durch die Aussicht auf eine allgemeine Wasserversorgung rechtfertigen lässt.“
        Es wurden daraufhin, seit 1912, von Seiten des Kulturbauamtes Offenburg von neuem Vorarbeiten für die Ausführung einer Wasserversorgung des Ortsteiles Durbach-Heimburg unternommen. Zu jenem Zeitpunkt hatten sich sämtliche höher gelegenen Teile, Bottenau, Gebirg, sowie die abseits in den Tälern liegende Gehöfte z.T. einzeln, z.T. auf genossenschaftlichem Wege mit Wasser versehen, sodass nur noch 1400 Einwohner zur Versorgung in Frage kamen. Alle Talschluchten des ganzen Einzugsgebietes des Durbach wurden nach Quellen durchsucht; hierbei fand man stärkere Quellen, die für eine Wasserversorgung in Betracht kommen konnten, im Sendelbach, Lautenbach, Brandecktal, Schwabsgrund, Märzengrund, sowie im großen und kleinen Langenbachtal im Mooswaldgebiet. Abgesehen von diesen Quellen wurden noch einige am Nordhang des Durbachtales (Hespengrund, Ergersbach, Malengrund, Franzosenloch, Hermannswald) angetroffen, die jedoch klein und wenig beständig waren. Bei den stärkeren Quellen wurden seit 1911 mehrjährige Messungen angestellt, auch in dem ausgesprochen trockenen Sommer 921 wurden diese durchgeführt und dabei folgende Ergebnisse erhalten:
        Quellen des Lautenbachtales             0,55 Sek.  –Liter
        Quellen des Brandecktales                 0,70 Sek.  –Liter
        Quellen des großen Langenbach        1,10 Sek.  – Liter
        Quellen des kleinen Langenbach        1,47 Sek.  – Liter
        Alle übrigen Quellen waren entweder versiegt, oder führten so wenig Wasser, dass sie für eine Wasserversorgung nicht in Frage kommen konnten. Nach dieser Feststellung belief sich die gespendete Wassermenge auf 3,82 Sek.-Liter, welche für die zu versorgenden 1400 Einwohner überreichlich ausgelangt hätte. Da aber gerade die ergiebigsten Quellen, die des großen und des kleinen Langenbach, weit entfernt waren, so glaubte der Gemeinderat von einer derartigen Anlage absehen zu müssen. Die Vorarbeiten kamen vollständig zur Einstellung, teils durch den Krieg, teils auch weil nach dem Kriege laut Gemeinderatsbericht vom 15.2.19 die Frage der Wasserversorgung vorerst auf sich beruhen sollte, da noch wichtigere Projekte auszuführen seien.
        Die gesundheitspolitische Ortsbereisung vom 3.10.21 meldete, dass die Pumpbrunnen immer und immer wieder zu Beanstandungen Anlass geben. In Folge der Inflation wurden keine weiteren Schritte unternommen. Am 30.10.24 berichtete der Bezirksarzt „… Die Verhältnisse der Wasserversorgung sind schlecht. Nur geschlagene Brunnen oder Brunnenstuben sind vorhanden, die leicht verunreinigt werden können. Es ist auf jedem Anwesen ein Brunnen; si sind aber in der größten Zahl nicht in vorschriftsmäßiger Entfernung von Misthaufen und Pfuhllöchern.“
        1924 wurde die Wasserversorgungsfrage erneut aufgegriffen. Inzwischen hatten sich einige Häusergruppen unter Ausnutzung kleiner, unbeständiger Quellen auf genossenschaftlichem Wege mit Wasser versehen: u.a. der Zinken Steingasse bei der Kirche mit 8 Familien, Wiedergrün mit 6 Familien. Dadurch kamen nur noch rund 1000 Einwohner für eine Wasserversorgung in Betracht. Um Baukosten für lange Zuleitungen zu sparen, wurde zunächst im Einvernehmen mit der geologischen Landesanstalt Freiburg die Möglichkeit für eine Grundwasserversorgung einer erschöpfenden Prüfung unterzogen. Hierbei traf man auf der Weilermatte im Obertal auf stärkere Grundwasseradern, welche nach den angestellten Versuchen genügend Wasser lieferten, aber eine allgemeine Versorgung erwies sich wegen der unzureichenden Höhenlage des Grundwasserspiegels ohne Pumpwerk unmöglich. Die Gemeindeverwaltung konnte sich jedoch mit der Lösung der Wasserversorgung in Zusammenhang mit einem Pumpwerk nicht vertraut machen. Das geplante Vorhaben kam wieder in Ruhen und als Folge davon bauten weitere Häusergruppen und Zinken des Stab Heimburg wieder auf genossenschaftlihem Wege unter Ausnutzung kleiner und kleinster Quellen Wasserleitungen: die Zinken Vollmersbach, Brändel, Hatsbach, Hilsbach und die Häusergruppe am Lindenplatz, sodass die Zahl der unversorgten Einwohner auf rund 450 sank, welche Zahl auch heute noch gilt. Diese Leute, zum größten Teil Gewerbeteibende, Kleinhandwerker, Arbeiter, wohnen fast ausschließlich innerhalb des Ortsetters. Sie traten an die Gemeindeverwaltung heran, mit dem Verlange, ihren Wasserbedarf durch Grundwasser aus der Weilermatte zu decken, sofern hierfür kein Pumpwerk erforderlich würde. Nähere Prüfungen ergaben, dass diesem Verlangen nur entsprochen werden konnte, wenn die Fassungsanlagen des Grundwassers flach unter die Oberfläche verlegt werden. Hiergegen hatte man jedoch behördlicherseits Bedenken und verwies darauf, dass im vorliegenden Fall die Lösung nur in einer Quellzuleitung gesucht werden könne. Nach längeren Verhandlungen entschloss sich die Gemeinde im Einvernehmen mit den noch zu versorgenden Einwohnern, das Kulturbauamt um Ausarbeitung eines Entwurfes für eine Quellwasserleitung aus dem oberen Lautenbachtal anzugehen. Dieser Entwurf ist seit 1927 fertig gestellt, konnte aber in Folge finanzieller Schwierigkeiten der Gemeinde noch nicht zur Ausführung und praktischen Verwirklichung gebracht werden.
        Nach diesem Projekt sollen 4 Quellen im oberen Lautenbachtal zur Ausnutzung gelangen. Sie entspringen im Wiesengelände unweit des Waldrandes, aus dem Urgestein. Seit 1911 wurden sie regelmäßig gemessen und haben am 2.8.1921 die geringste Wassermenge mit 0,55 Sek.-Liter geschüttet, was pro Kopf und Tag der zu versorgenden 450 Einwohner 105,6 Liter hergäbe. Sobald die Zahl der Abnehmer zunimmt oder der Verbrauch aus irgend welchen Gründen sich steigert, so stehen aus dem hinteren Durbachtal weitere, nicht unerhebliche Wassermengen zur Verfügung, insbesondere die Beiziehung der Quellen des oberen Brandecktales wird hierfür in Frage kommen, da diese keine erheblichen Geldausgaben verursachen wird. Die Lautenbachquellen schütten ein sehr weiches Wasser, das ziemliche Mengen von aggressiver Kohlensäure enthält. Zur Bekämpfung der Kohlensäure müssten in die Quellenschächte Entsäurungsanlagen eingebaut werden, außerdem für eine gute Durchlüftung des Wassers in den Schächten Sorge getragen werden. Die Eignung des Wassers für eine Wasserversorgung ist durch die angestellte chemische und bakteriologische Untersuchung und durch das Gutachten des Bezirksarztes erwiesen.
    Der Kostenaufwand für die zu erstellende Wasserleitung beläuft sich nach einem Kostenvoranschlag des Kulturbauamtes auf 83000 M. Die Ausführung ist aber nur möglich, wenn der Staat und andere Körperschaften weitgehende Zuschüsse leisten; denn die Gemeinde verfügt über keine nennenswerten Reichtümer, und die Steuerkraft der Landbewohner ist durch die hohe Umlage (z.Zt. 1,20 M) schon äußerst gespannt. Aus diesem Grunde richtete der Gemeinderat am 24.2.28 ein Gesuch an das Ministerium der Finanzen mit dem dringenden Ersuchen, von den Baukosten des vorgelegten Projektes zur Wasserversorgung in Anbetracht der misslichen finanziellen und wirtschaftlichen Lage, in der sich die Stabsgemeinde Durbach befindet, etwa 50% zu übernehmen. Vom Ministerium kam am 17.5.28 der Bescheid an den Gemeinderat, dass dem Antrag der Gemeinde Durbach um Gewährung einer Staatsbeihilfe zur Zeit nicht entsprochen werden könne, der Antrag sei aber einstweilen mit dem Betrage in Höhe von etwa 50 % der Kosten für die Hauptleitung bis zum Höchstbetrag vn 39000M unverbindlichst vorgemerkt, aber bei der großen Zahl der bereist vorgemerkten Anträge dieser Art könne die Berüksichtigung des Gesuches auf einen bestimmten Zeitpunkt nicht in Aussicht gestellt werden. Auf eine nochmalige Anfrage des Gemeinderates ging am 31.7.28. vom Ministerium die Antwort ein: „Der Gemeinde Durbach gehen eine Reihe von Gemeinden vor, welche schon lange vorgemerkt sind und ihre Wasserleitung schon erstellt haben. Es besteht keine Aussicht, dass noch in diesem Jahre (1928) ein Teilbetrag der in Aussicht gestellten Beihilfe überwiesen werden kann.
        Unter diesen Umständen blieb der Gemeinde nur übrig, die Erstellung der geplanten Wasserleitung bis 1929 zurückzustellen in der Hoffnung, den Staatsbeitrag im kommenden Jahre (1929) endgültig bewilligt zu bekommen. Das Bezirksamt in Offenburg versprach, sich für dessen Bewilligung auch verwenden zu wollen.
        Im Juni 1929 ist nun der Gemeinderat wiederum an das Ministerium mit dem Gesuch um Staatsbeihilfe herangetreten; denn da den Einwohnern die Erledigung der geplanten Wasserversorgung allzu lange auf sich warten lässt, sind wieder Bestrebungen im Gange, mit Teilwasserversorgungen sich zu behelfen. Sobald aber weitere Wasserabnehmer von den 450 absplittern würden, so könnte das vom Kulturbauamt geplante Projekt nicht mehr zur Ausführung gelangen; denn für den übriggebliebenen Rest der Bewohner wäre das Unternehmen eine untragbare finanzielle Belastung, auch wenn schließlich von ministerieller Seite 60 oder 70 % der Bauunkosten getragen würden. Sollte im Jahre 1929, spätestens am 1930, die Wasserversorgungsfrage ihre Lösung nicht finden, so wird wohl Durbach nie mehr mit der Errichtung einer allgemeinen Quellwasserleitung für den Ortsetter rechnen können. Einzelne Häusergruppen würden zur Teilwasserversorgung scheiten, verschiedene Haushaltungen würden aber dann stets auf die jetzt so mangelhaften unhygienischen Pumpbrunnen angewiesen sein.

 

X.   Öffentliche Gebäude

An Gebäuden besitzt die Gemeinde Durbach nur die allernotwenigsten, da das Gemeindevermögen an Wald, Reben und anderen Einkünften sehr gering ist.

 

Das Rathaus

Das Rathaus wurde im unteren Drittel des Dorfes im Jahre 1906 neu erbaut. Es ist ein massiver Backsteinbau und enthält im Erdgeschoss die Gemeindebüros, die Gemeinde- und die Sparkasse. Im ersten Stock befindet sich eine Lehrerwohnung und der Bürgersaal. Infolge Mangels an Unterrichtsräumlichkeiten dient er auch als Schulsaal, und zwar für die Fortbildungsschulklassen, für den Handarbeitsunterricht und für eine Volksschulklasse. Er hat 221,54 cbm Rauminhalt, für 28 Schüler sind zweisitzige Tische und Stühle vorgesehen. Bei einer größeren Schülerzahl behilft man sich mit Bänken, die seitlich an die Wand gestellt werden. Die geweißten Wände und die Decke sowie der Ofen sind in gutem Zustande. Auch ist für eine ausreichende Belichtung gesorgt. Der Schulsaal entspricht vor allem deshalb nicht den Vorschriften, weil die Fenster vor der Front der Klasse nicht abgeblendet sind, wodurch die Sicht auf die vor ihnen stehende Tafel äußerst erschwert wird. Außerdem ist an den Fenstern der Längswand kein verstellbarer Sonnenschutz angebracht. Sobald gegen allzu grelle Sonnenbeleuchtung die Läden herabgelassen werden müssen, ist die Blendung von vorne noch stärker. Trink- und Waschgelegenheit fehlen, sowie auch die Kleiderablage. Die Abortverhältnisse im Rathaus lassen, besonders was Reinhaltung betrifft, sehr zu wünschen; das Haus ist meistens mit Ammoniakdüften durchzogen; denn das Pissoir ist innerhalb des Hauses angebracht, die Tür zum Hausflur steht meist offen. Trink- und Brauchwasser müssen an dem sog. „Rathauspumpbrunnen“ geholt werden. (s.o.Wasserversorgung)

b)  Das Schulhaus im Stab Heimburg


Unweit des Rathauses, auf der anderen Talseite, ein wenig erhöht, liegt das Schulhaus für Stab Heimburg und Stab Bottenau. Der zweistöckige, sehr schwach konstruierte, einfache Backsteinbau enthält in jedem Stockwerk zwei große geräumige Lehrsäle. Jeder Saal hat einen Rauminhalt von 213 cbm, pro Kind 4 cbm. 5 Fenster sorgen für hinreichende Beleuchtung; die Fensterfläche beträgt 21,4 %. Die Ausstattung der Zimmer weisen erhebliche Mängel auf: der Boden ist alt, ausgetreten; als Material wurde Tannenholz verwandt. Gereinigt wird der Boden täglich einmal trocken, alle 14 Tage wird er feucht aufgezogen und etwa 4 mal im Jahre gründlich gereinigt und geölt. Die geweißten Wände und die Decken warten trotz mehrfacher bezirksamtlicher Aufforderung schon seit 3 Jahren auf einen frischen Strich. Durch die Feuerung undichter Eisenöfen sind sie äußerst grau und schwarz geworden. Um dem gesundheitsschädlichen Übel im Winter abzuhelfen, erwog man die Einrichtung einer Dampfheizung; ließ den Plan jedoch wieder fallen mit der Begründung, dass in zwei bis drei Jahren doch weitere Bauänderungen benötigt werden, da diese vier Säle für die Klassen nicht ausreichen. Einstweilen half man sich mit einer ungenügenden Ausbesserung der Öfen.

Ein im Gange des zweiten Stockes nachträglich eingebautes Lehrmittelzimmer dient gleichzeitig auch als Aufenthaltsraum für die Lehrkräfte. Eine Kleiderablage, sowie auch Seife und Handtuch stehen den Kindern nicht zur Verfügung. Zwei Meter hinter dem Haus, mit diesem durch ein Dach verbunden, sind die geschlossenen Aborte und das Pissoir angelegt; sie sind gut zu lüften, können aber nur mit größter Mühe einigermaßen sauber gehalten werden. Ein Tummelplatz von 1 Ar umgibt das Schulhaus, dahinter liegt der 2 Ar große Turnplatz; er ist trotz wiederholter Versuche, ihn einzuebnen, immer noch eine schiefe Ebene und bei Regenwetter sehr schmierig und schlüpferig.

    Auf dem Schulplatz befindet sich ein Pumpbrunnen, die einzige Wasch- und Trinkgelegenheit der Kinder, ohne Becher oder Sonstiges. Dieser Brunnen gab schon öfters Anlass zu Beschwerden. Er liefert zeitweise trüber, verunreinigtes Wasser; Würmer und andere unappetitliche Dinge wurden schon zutage gefördert. Eine Instandsetzung und Reinigung hält meist nur kurze Zeit vor; so ist auch das Ergebnis einer vor kurzem vorgenommenen Untersuchung nicht für längere Zeit maßgebend. Während die chemische Analyse für ein gutes Trinkwasser keine Beanstandungen ergab, so zeigt die bakteriologische Untersuchung eine erhöhte Keimzahl von 800 pro ccm, dass von einem einwandfreien Trinkwasser nicht die Rede sein kann, besonders auch deshalb, weil von der Seite Oberflächenwasser eindringen kann.

Lokalinspektion des Schulhauspumpbrunnens:

Der Brunnen steht 12 m vom Schulhausabort entfernt; eine Verunreinigung von dort findet z.Zt. nicht statt. Dunggruben oder Misthaufen sind keine im näheren Umkreis. Der Brunnen hat eine Tiefe von 4,5 m und ist ausgemauert. Obwohl man an dem erhöhten Brunnenkranz keine Risse entdecken kann, gelangt doch gelegentlich Oberflächenwasser hinein. Als Trinkwasser ist es nur zu gebrauchen, wenn nach den Schulferien das stagnierte Wasser abgepumpt wird, was oft versäumt wird.

Ergebnis der chemischen und bakteriologischen Untersuchung des Pumpbrunnens beim Schulhaus.

Zusammensetzung             Berechnungsform    

Äußere Beschaffenheit

 

Sehr schwach gelblich gefärbt, opaleszierend getrübt, reichliche Mengen feinflockiger Schwebestoffe, teils grauweiss, teils bräunlich gefärbt, vorhanden, die aus ungelösten Eisenhydrat bestehen. Nach dem Filtrieren bleibt die schwach gelbliche Färbung bestehen; geruch- und geschmacklos.

Entnommen am

 

24.6.29 6 Uhr vorm.

Temperatur

 

12,5°C.

Reaktion

 

Neutral

Wasserstoffionenkonzentration

PH

7,3

Ammoniak

NH4.

---

Salpetrige Säure

NO2

---

Salpetersäure

NO3

---

1 Liter Wasser enthält mg:

 

 

Abdampfrückstand

 

256,40

Glühverlust

 

17,00

Glührückstand

 

239,40

Chloride

C1,

8,5

Sulfate

SO4,,

6,99

Silikate

SiO3,,

7,59

Hydrokarbonate

HCO3,

274,10

Kohlensäure, freie

CO2

47,30

Kohlensäure, aggressive

CO2

10,50

Kaliumpermanganatverbrauch

KMnO4

7,07

Eisen

Fe..

0,07

Kalzium

Ca..

75,72

Magnesium

Mg..

6,19

Gesamthärte

 

11,97

Vorübergehende Härte

 

11,76

Bleibende Härte

 

0,21

Keimzahl

 

800

Coliprobe

 

negativ

    Das alte Schulhaus bei der Kirche wurde zu Lehrerwohnungen umgebaut und enthält an Lehrsälen nur noch die Kochschule mit zwei Herden, einen Saal, der für die Fortbildungsschulklassen ausreichen groß ist.

c) Das Schulhaus im Stab Gebirg

Im Jahre 1840 wurde das Schulhaus für die durchschnittlich 30 Schüler des Stab Gebirg errichtet, ein zweistöckiger Bau mit Fundament und Mauern aus Bruchsteinen, wobei sich im ersten Stock der Schulsaal, im zweiten die Lehrerwohnung befindet. Das Haus liegt etwa 5 Min. hinter der der Einmündung des Brandecktales auf der linken Seite des Durbach.
    Der Schulsaal – Hauptfront nach Osten – ist 8,20 m lang, 5,65 m breit und 3 m hoch (45 qm, 145 cbm); pro Kind 4,5 cbm. Der Fußboden ist alt, ausgetreten, astig; er gibt an manchen Stellen beim Auftreten nach und hat sich durch einen faulenden Balken stark gesenkt. Wände und Decke sind mit Kalk geweißelt; an der inneren Seitenwand springt immer der Kalk vom Gebälk ab, ebenso von den zwei Durchzugsbalken an der Decke, die im Übrigen sonst gut erhalten ist. Durch sieben Fenster (1,5m hoch 1,25m breit) wird der Saal sehr gut erhellt. Die Fensterfläche beträgt 29%. Ein eiserner Ofen, dessen Feuerung mit Holz unterhalten wird, heizt das Zimmer im Winter genügend. Ein Luftschacht ist nicht vorhanden. Die Schulbänke sind Zwei-, Drei- und Viersitzer mit einer Plusdistanz. Täglich wird der Schulsaal trocken gekehrt, Tische und Bänke abgestaubt, monatlich wird der Saal einmal aufgewaschen und halbjährlich der Boden geölt. Die Trinkwasserversorgung ist anscheinend gut; die Quellwasserfassung geschieht an einem waldigen Abhang in hygienisch einwandfreier Gegen. Leider besteht der missliche Umstand, dass für den im Schulsaal befindlichen Wasserhahn keine Abflussvorrichtung angebracht ist; infolgedessen hat der darunter liegende Fußboden, Bretter und Balken, Not gelitten und ist z.T. im Verfaulen begriffen. Die Abortverhältnisse sind insofern ungünstig, weil die Abortanlagen, die im Hause untergebracht sind, zu nahe zusammengebaut liegen; im Allgemeinen sind sie aber sauber gehalten. Die Kleiderablage für die Kinder befindet sich im Flur. Ein Turnplatz von 2 Ar steht zur Verfügung.
    Die Lehrerwohnung ist geräumig, heiter, hell und ziemlich trocken; aber erst seit vor kurzem der angrenzende Staatswald ein Stück weit abgeholzt ist.
Sämtliche Schüler der Gemeinde Durbach (433) sind schulärztlichen Untersuchungen unterworfen gemäß den Richtlinien des badischen Unterrichtsministeriums.

Das Pfründnerhaus (Spital).

Im Jahre 1870 kaufte die Gemeinde ein einstöckiges Bauernhaus, in der Mitte des Dorfes gelegen, und baute es zu einem Pfründnerhaus um, zu einem Heim für alte Knechte und Mägde, sowie für kranke, alte alleinstehende Einwohner. Insgesamt stehen 24 Betten zur Verfügung; wovon drei für das Pflegepersonal abgehen. Das alte Fachwerkhaus zeigt viele Mängel: die Zimmer sind viel zu klein, zu niedrig; verschiedene Zimmer im II. Stock haben schiefe Wände, und was das Schlimmste ist: das Ungeziefer, Wanzen, ist nicht herzubekommen. Im ersten Stock sind die auf dem Plan angegebenen Zimmer. Besonders die Aufenthaltsräume sind im Winter viel zu klein und dauernd mit einer schlechten Luft verpestet.

Im zweiten Stock sind zwei Schlafzimmer mit zwei Betten und zwei Kammern mit vier Betten; die letzteren haben einen Rauminhalt von 49,30cbm, trifft also auf einen Mann 12 cbm Luftraum, etwa die Hälfte von dem, was nach den heutigen Bauvorschriften für solche Häuser verlangt wird. Die Abortanlagen sind an das Haus angebaut, die Grube auszementiert. Im Hofe befindet sich ein öffentlicher Pumpbrunnen (s.o.Wasserversorgung). Die Küche hat eigene Quellwasserleitung seit 1902. Am 100m südlich gelegenen Kochbergabhang wurde eine Quelle gefasst. Was sich für Übelstände bei solch kleinen Teilwasserversorgungen bilden könne, zeigte die im Juni 1929 vorgenommene Reinigung der Brunnenstube: der Deckel war undicht und defekt geworden, eine Unmenge Schlamm und Schmutz hatten sich auf dem Boden gesammelt, tote Ratten, Mäuse, Maulwürfe, Gewürm aller Art usw. wurden zutage gefördert.
        Zum Pfründnerhaus gehört auch noch ein Nebengebäude mit einem Schlafraum, einer Scheune, einem Toten- bzw. Sektionsraum, einem Badezimmer und einer Waschküche. Die Badeeinrichtung wurde 1926 geschaffen; dreimal in der Woche werden Bäder verabreicht. Da nur eine Badewanne vorhanden ist, sowohl für Pfründner wie für die Ortsbewohner, ist diese Einrichtung ungenügend; es müssten noch mindestens zwei weitere Badekabinen zur Verfügung stehen, um auch medizinische Bäder geben zu können.

e)  Die Kinderschule


Auf Anregung der Freifrau von Neveu in Verbindung mit einer Geschäfts- und Bauersfrauen wurde im Jahre 1909 ein Verein gegründet zur Pflege von Kranken und Altersschwachen. Drei Krankenschwestern, dem Kloster Gengenbach angehörend, sind für diesen Zweck angestellt. Das frühere Amtshaus wurde zur Wohnung ausgebaut, worin 1917 eine Kinderschule noch Unterkunft fand und 1927 ein Saal für die Nähschule eingerichtet wurde.

        Die Kinderschule wird z.Zt. von 75-80 Kindern besucht; gebracht von ihren Müttern, die ihrer Fabrik-, Haus- oder Rebarbeit nachgehen. Den Kindern steht ein geschlossener Raum von 44 qm und, da dieser für das Spielen nicht ausreicht, der Hausflur zur Verfügung: das sind etwa 1qm und 3cbm pro Kind, ein äußerst unbefriedigender Zustand, zumal im Winter. Es ist deshalb nicht zu verwundern, wenn jedes Jahr durch das enge Beieinanderliegen und –sitzen Hautkrankheiten, Keuchhusten, Masern sehr leicht und häufig übertragen werden. Eine ärztliche Überwachung der Kleinkinder besteht nicht.
        Aber nicht nur eine Vergrößerung, auch eine Erneuerung verschiedener Bestandteile wäre dringend wünschenswert: Der Fußboden ist alt, ausgetreten, astig. Drei von den vier Fenstern können nur mit Vorsicht geöffnet werden, da sie morsch und z.T. abgefault sind. Im Winter sind ständig drei Läden wegen des Kälteeintritts geschlossen zu halten. An Wänden und Decken ist zum größten Teil der Verputz abgefallen. Als Aborte dienen drei kleine Klosetts und zwei Pissoirschüsselchen. 1928 konnte die Kinderschule der Teilwasserversorgung des Lindenplatzes angeschlossen werden. Der Wasserhahn befindet sich im Flur; es fehlt aber dazu die Abflussvorrichtung, mit der Zeit werden auch hier Bretter und Balken morsch und faulig werden.
Im Freien können sich die Kinder in einem Raum von 265 qm (3,53 qm pro Kind) bewegen.
        Besondere Erwähnung verdient der Nähsaal. Der Raum hat Nordsüd-Richtung (33,6qm und 97,4 cbm). Das einzige Fenster (1,4:1,8m) liegt gegen Norden. Man erhält eine Fensterfläche von nur 7,5%; der Saal ist also nur ein Drittel des Normalen belichtet. Die Arbeitsplätze der Nähschülerinnen sind für die Tageskurse völlig ungenügend belichtet. Für die Kurse am Abend reicht das durch drei elektrische Lampen gespendet Licht aus. Auch die Arbeitsplätze sind zu klein; die bisherige Höchstzahl betrug 30 Schülerinnen, im Durchschnitt sind es 18; für eine steht ein Arbeitsplatz von 1,84 qm zur Verfügung.
        Die Wohnräume der Schwestern sind aus dem Plan ersichtlich. Von diesen sei nur kurz über das größere Schlafzimmer berichtet: ein Raum von 18 qm und 55,8cbm Rauminhalt. Eine Längswand, hinter der sich ein Schuppen befindet und der z.Zt. gerade abgebrochen wird, zeigt das ganze Jahr hindurch feuchte Stellen; im Winter ist die ganze Wand feucht beschlagen. Der Verputz ist infolgedessen größtenteils abgefallen. Eine andere Wand, gegen die Küche, zeigt große Spalten, droht an manchen Stellen herauszufallen. Da das Fenster auch noch undicht ist, besteht dauern ein Durchzug: im Ganzen ein ungesundes, feuchtes, zugiges Schlafzimmer. Auch die Wände der Küche sind z.T. feucht.

XI.   Die Bevölkerungsbewegung


Wenn wir die Bevölkerungsbewegung seit dem Jahre 1871, dem Ausgangspunkt der sog. Gründerzeit mit ihrer allgemeinen Zunahme der Bevölkerung betrachten, so können wir in diesen 59 Jahren in Durbach nur einen Zuwachs von 38 Seelen feststellen: bei der Volkszählung am 1.12.1871 hatte Durbach eine Einwohnerzahl von 2.211, im Jahre 1925 2.249 Einwohner. Der Geburtenüberschuss von 1871 bis 1928 beträgt 1036; und trotzdem nur ein Zuwachs von 38. Die Gründe hierfür sind z.T. in den durch die Natur geschaffenen Lebensbedingungen, z.T. in sozialen Einrichtungen zu suchen: das ganze Tal ist für das Entstehen und für die Entwicklung einer Industrie nicht geeignet; abgesehen vom Stab Gebirg ist das übrige Tal wasserarm, hat doch der Wasserlauf nach der Volksethymologie seinen Namen von der Eigenschaft, weil er im Sommer „dürr“ d.h. trocken ist. Ferner setzen die steilen Abhänge, die für den landwirtschaftlichen Anbau schwer zugänglich sind, dem Landwirt bestimmte Grenzen. Als zweiter Grund steht einer Bevölkerungszunahme die Tatsache im Wege, dass in allen Stäben die Unteilbarkeit des landwirtschaftlichen Besitzes die Regel bildet. Dies zwingt die bei den fruchtbaren Ehen des Schwarzwaldbauers oft nicht wenig zahlreichen Geschwister als Taglöhner auf dem Hof des Anerben zu bleiben oder auszuwandern, sei es in eine fremde Gemeinde, sei es in das Ausland. In den letzten sieben Jahren sind 42 Durbacher nach Amerika übergesiedelt.

Im Weltkrieg sind 106 Männer aus der Gemeinde gefallen.
    Die Geburten- und Sterbekurve zeigt, dass im Jahre 1874 die Sterbefälle die Geburten um 19 überschritten, im Jahre 1897 um 8 und in den Kriegsjahren insgesamt um 39. Das Hervorstechendste an der Geburtenkurve ist aber das dauernde Fallen der Geburtenziffern von einer Zahl von 109 im Jahre 1870 auf 41 im Jahre 1928. Die Eheschließungen, die sich im Allgemeinen zwischen 10 und 20 pro Jahr bewegen, sind seit dem Jahre 1923 ständig im Steigen begriffen. Die Hauptursache an den Schwankungen ist vor Allem die wirtschaftliche Notlage, die besonders in den 14 Jahren vor dem Kriege die Bevölkerung schwer bedrückte, und in starke Schulden brachte. Nicht weniger schwer lasten auf der Landwirtschaft nach dem Kriege die Sorgen: - nach einer kurzen Erleichterung in den Inflationsjahren - und stehen der Freude am Kind und an seiner Erziehung stark hemmend im Wege. Abtreibungen kommen nur ganz ausnahmsweise vor.

Krankheitsverhältnisse.

Tabelle über die Morbilität an Infektionskrankheiten:

Jahr

Typhus

Scharlach

Diphtherie

Puerperalfieber

1890

4

1

2

1

1891

6

 

 

2

1892

3

 

1

 

1893

 

 

5

 

1894

 

 

4

 

1895

7

 

1

 

1896

1

 

1

 

1897

2

 

10

 

1898

1

 

5

 

1899

 

 

49

1

1900

2

 

27

1

1901

2

 

2

1

1902

 

3

6

 

1903

 

 

2

 

1904

 

14

24

1

1905

 

2

1

1

1906

 

1

 

4

1907

 

1

 

19 (?)

1908

6

 

4

 

1909

 

2

2

 

1910

2

 

2

 

1911

 

 

3

2

1912

 

 

4

2

1913

 

 

8

 

1914

 

 

 

 

1915

 

 

 

 

1916

 

 

 

 

1917

 

2

17

1

1918

 

3

8

 

1919

1

 

3

 

1920

 

1

1

1

1921

1

 

3

 

1922

 

 

 

 

1923

1

2

3

2

1924

10(Paratyphus)

 

2

2

1925

 

1

 

1

1926

 

1

 

2

1927

 

 

1

 

1928

 

 

 

 

Außerdem wurden gemeldet: 1912 2 Fälle von Genickstarre, 1926 eine spinale Kinderlähmung. Aus obiger Tabelle ist ersichtlich, dass hauptsächlich 2 Infektionskrankheiten in erhöhtem Maße auftragen: Typhus und Diphtherie.
Wenn man die Wasser und Abortverhältnisse kennt, so ist es ganz natürlich, dass Typhus des öfteren sich bemerkbar macht; wahrscheinlich liegen die Zahlen wesentlich höher, da leichte Fälle mit geringen Fiebererscheinungen oder anderen leichten Beschwerden sich gar nicht an den Arzt gewandt haben. Die Errichtung einer allgemeinen Wasserversorgung wird wohl sehr viel dazu beitragen, den Typhus zum Verschwinden zu bringen.
    Als Ursache der manchmal sogar endemisch auftretenden Diphterie sind wohl die unhygienischen Schlafzimmer bzw. Krankenzimmerverhältnisse anzusehen: die Kinder werden in ihren Betten fest zugedeckt, die Zimmerluft ist meist trocken, heiß und verbraucht, besonders im Winter. Die kranken Kinder werden dicht neben den übermäßig geheizten Ofen gestellt, und die Fenster bleiben verschlossen. Man hat als Arzt die größte Mühe, die kleinen Patienten aus solch einer Atmosphäre herauszubekommen. Nur ganz allmählich sind die Leute einer Belehrung über die „Güte“ der frischen Luft zugängig.
    Scharlach trat nur einmal, im Jahre 1905, in verstärktem Maße auf.
Alle zwei bis drei Jahre zieht eine ziemlich gefährliche Masern- und Keuchhustenepidemiewelle durch das Tal; besonders 1925 sind zahlreiche Kinder an den Folgen der Masern, an Bronchopneumonie, gestorben; meist waren es unterernährte oder mit englischer Krankheit befallene Kinder.
    Auch Tuberkulose und Krebs fordern jedes Jahr ihre bestimmte Anzahl von Opfer. In den letzten Jahren sind die Todesfälle an Krebs über die der Tuberkulose gestiegen.
Durbach ist der Sitz eines Arztes und eines Dentisten. Zwei Hebammen stehen den Wöchnerinnen hilfsbereit zur Seite; sie sind in ihrer Arbeit sauber und gewissenhaft und werden durch Fortbildungskurse stets auf dem Laufenden gehalten. Manches tragen die Hebammen zur Beseitigung alter Missstände und abergläubischer Maßnahmen bei. Das enge Becken ist in diesem Tale nicht verbreitet; nur ausnahmsweise macht eine Geburt wegen engen Beckens Schwierigkeiten. Dagegen erfordern die primäre Wehenschwäche und, was viel unangenehmer ist, Nachgeburtsblutungen, teils infolge Atonie des Uterus, teils infolge Placentarverhaltung, rasches Eingreifen. Als Ursache dieser Erscheinungen dürfen wohl die Arbeitsüberhäufungen der Bauersfrauen und die allzu kurz nach einer Geburt wieder eintretende Schwangerschaft anzusprechen sein.  
    Die Säuglinge werden durchschnittlich 3-4 Monate gestillt, nicht selten aber auch 6 – 8 Monate. Nach dem Abstillen sorgt die Hebamme stets dafür, dass die entsprechende Nahrung gegeben wird. Da ernährungsgestörte Kinder und solche mit Rhachitis rechtzeitig zum Arzt gebracht werden, sind diese Erkrankungen in den letzten Jahren relativ selten geworden. Vor etwa 4 Jahren sollte eine Mütterberatungsstunde eingeführt werden; infolge allzu geringen Anspruchs – zwei oder drei Frauen sind erschienen – wurde diese Einrichtung wieder aufgegeben. Die verstreute Lage, die Arbeitsüberlastung der Frauen wird auch in Zukunft einem solchen Unterfangen keinen Erfolg zukommen lassen.
    Die zwei häufigsten Alterskrankheiten und Todesursachen sind Herzleiden und Arterienverkalkung, besonders das siebente Jahrzehnt ist am häufigsten damit heimgesucht.
    Durbach ist keine ausgesprochene Kropfgegend; Vergrößerungen der Schilddrüse durch eine weiche, parenchymatöse Struma ist im jugendlichen Alter  häufig, um aber nach der Pubertät wieder stark zurückzugehen.
    Auch Geschlechtskrankheiten traten nach dem Kriege vereinzelt auf, meist von auswärts eingeschleppt; seit 1923 waren 4 Lues und 3 Gonorrhoefälle in ärztlicher Behandlung.
Wegen Geisteskrankheiten sind jährlich im Durchschnitt 3 bis 4 Patienten in Anstaltsbehandlung; Schizophrenie und Melancholie sind am häufigsten vertreten. Bei der letzten Gebrechlichenzählung wies Durbach 4 Taubstumme und 12 geistig Gebrechliche auf.

XII.   Leichenbestattung

Die Leichenbestattung geschieht durch Beerdigen. Der Friedhof liegt an der südwestlichen Ecke des Ortsetters, am Abhang, der zum Sendelbachtal hinaufführt. Er ist 53,83 Ar groß, die Grabestiefe beträgt 1,80m. Die oberste Schicht des Bodens der höher gelegenen Friedhofshälfte besteht bis zu 1m Tiefe aus Lehm, dann stößt man auf Kies; in dem tiefere gelegenen Abschnitt fehlt die Lehmschicht fast ganz. Wiederbelegen eines Grabes findet nach 30 Jahren, bei gekauften nach 50 bzw. 75 Jahren statt. Eine Leichenhalle ist nicht vorhanden; Leichen von solchen Personen, die an einer gefährlichen Infektionskrankheit gestorben sind, können im Bedarfsfalle in der Totenkammer des Pfründnerhauses untergebracht werden. In der Regel bleiben die Leichen bis zur Stunde der Beerdigung im Sterbehaus.

Zusammenfassung

Fassen wir das Ergebnis unserer Untersuchung über die sanitären Verhältnisse in Durbach kurz zusammen und stellen die hauptsächlichen Mängel heraus, so ist es for allen Dingen zunächst die Wasserversorgungsfrage, die dringend einer beschleunigten Erledigung bedarf. Bei günstiger Lösung der finanziellen Frage durch das Ministerium der Finanzen dürften wohl sämtliche Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt sein.
    Der zweite Hauptmangel sind die unzureichenden Schulräume im Stabe Heimburg: für die 403 Volks- und Fortbildungsschüler sind unbedingt zwei weitere Schulsäle erforderlich; insbesondere um recht bald den Unterricht aus dem für solche Zwecke nicht geeigneten Bürgersaal herauszubekommen.
    Als Drittes wären die Unzulänglichkeiten des Kinderschuldsaales in Erwähnung zu bringen. Anstatt die zulässige Zahl von 40-45 sind 70-80 Kleinkinder darin untergebracht. Wenn die vorgeschriebene Meldung über die Kleinkinderanzahl an den zuständigen Bezirksarzt stattgefunden hätt, wäre diesem Übel durch Vergrößerung (s.Plan) des Saales vielleicht schon lange abgeholfen.
    Als Letztes sei noch auf die Notwendigkeit einer Vergrößerung des Pfründnerhauses hingewiesen.
    Alle Missstände, die durch Tradition im Volksleben gegeben sind, werden wohl erst im Laufe der Zeit durch entsprechende Aufklärung verschwinden.

Blick vom Mühlberg ins Obertal/Mooskopf

Schloss Staufenberg

Das Pfründnerhaus

Talstraße beim Bären

Durbacher Tracht

Abort eines Bauernhauses

Schöpfbrunnen im Obertal


Anmerkungen des Abschreibers Josef Werner im Dezember 2015

*1) Die angegebenen Flächen über die einzelnen Kulturarten sind sehr irritierend. So ist mir z.Bsp. unverständlich woher 43 ha öffentliche Plätze kommen sollen. Ebenso dürften größere Kastanienwaldungen auch unter der Ziff. 12 zu finden sein   

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