Die Bottenauer und ihr Bauerngericht

Eine volkskundliche Skizze von Wilhelm Geiler, Freiburg
(Heimatgeschichtliche Unterhaltungsbeilage d. Offenburger Zeitung Nr.6 vom 15.März 1926)

 

Nicht ein armer Missetäter muß da eines herben Urteils harren; vielmehr bedeutet das Bauerngericht für die Bottenauer Bürger ein Tag des Frohsinns, der Geselligkeit in der letzten Jahreswoche nach vielen arbeitsreichen Tagen. Niemand wird in dieser Zeit, wo selbst die Natur wie leblos ruht, den schaffigen Reb- und Wäldlerleuten einen solchen selbstbestimmten Wochenfeiertag missgönnen. Haldauf, haldab führt ungezählt das ganze Jahr ihre nimmermüden Schritte auf Feld und Matten, in Wald und Reben. Die Besitzungen dieser Bauern breiten sich in mehr als zwanzig Hofgütern über das Tal Bottenau mit seinen heimeligen Gründen und sonnigen Hängen aus, von deren Kammlinien das Auge eine schöne Rundsicht auf die Mittelschwarzwaldberge und durch den Renchtalausgang in die Rheinebene hinaus genießt. Die genannten Hofgemeinschaften sind in ihrer Gesamtheit als Stab Bottenau der großen Gemeinde im jenseitigen Tale drüben eingegliedert und werden in dieser durch einen eigenen Stabhalter vertreten. Obwohl frühere Wünsche jenes abgelegenen Gemeindeteiles nach gemeindlicher Selbständigkeit nicht zum Ziele führten, so betätigen diese abwohnenden Gemeindeglieder trotz des weiten Weges die Zugehörigkeit zu ihrer Gesamt- und Pfarrgemeinde in anerkennenswerter Weise. Mitten im Winter sieht man oft Bäuerinnen und ledige Töchter während der Woche wie am Sonntag in der Frühe über den Berg hinüber in die Morgenmesse nach der entfernten Durbacher Pfarrkirche schreiten, in der auch die anderen abkömmlichen Hofbewohner dem Hochamte beiwohnen und manche noch den Sonntagsnachmittagsgottesdienst besuchen.

Nicht einheitlich und zum Teil auch ohne ausgesprochene Tracht ist der Sonn- und Festtagsstaat dieser Bauersleute. Die Jungfrauen gehen barhaupt und tragen über dem halbanliegenden sog. Peter ein helles Seidenhalstuch und als Schmuck eine Granatperlenkette mit goldenem Kreuzlein. Den dunklen Rock schmückt eine schwarze blumige Seidenschütze. An hohen Feiertagen und besonderen Familienanlässen verleiht der über der Brust gekreuzte buntgewirkte Schal und bei den Frauen noch eine goldgestickte band- und flügellose Kappe ein festliches Aussehen. Prächtig funkelt im Sonnenschein eine solch reichverzierte Kopfbedeckung, die wohl Generationen durchhält, aber auch heute um hundert Goldmark nicht gefertigt wird. Über dem dunkelroten Samtgrund breitet sich der funkelnde Goldzierat der Kappe, die nach hinten immer schmäler wird und in einem goldverbrämten Bogen ihren Abschluß findet. Da sie einem Schiffskiel ähnlich sieht, so ist für sie die spaßhafte Benennung „Nebelspalter“ wohl erklärlich. Verschieden ist die Männertracht, wie sie sich im Fest- oder Kirchenrock hauptsächlich darstellt. Es will bei näherem Hinsehen scheinen, als spiele bei dieser Verschiedenheit der Kleidung die Rassenzugehörigkeit eine Rolle mit. Auffallend sind die mittelgroßen Leute mit rundem schwarzhaarigem Kopf und dunklen Augen. Es sind Zugehörige zur alpinen Rasse, die sich im Rench- und oberen Kinzigtal seit frühester Zeit noch rein erhalten hat und ihren Namen nach einem von der Forschung im Alpenland festgestellten Stamme mit unverkennbarer Körperähnlichkeit bekam. Das Stumpfnäschen und die beweglichen dunklen Augen geben den runden Köpfen der Buben und „Maidili“ ein anziehendes Leben, und das Wesen der Mädchen zeigt besonders eine liebliche Wendigkeit. Der Festrock dieser Bauern besteht aus gutem, schwarzen Tuch und ist innen mit scharlachrotem Wollstoff gefüttert. An dem Rückteil ist der Rock bis zur Hüfte hinauf geschlitzt und hat scherzweise den seinen Bewegungen beim Abwärtsgehen entsprechenden Namen „Fidlebatscher“. Im Schmucke einer Doppelreihe blanker Messingknöpfe prangt das rote Brusttuch oder Gilet über dem weißleinenen gestärkten Kragenhemd, das eine unter dem umgelegten Kragen durchziehende schwarze Binde wie eine Krawatte vervollständigt. Der feste, schwarze und breitkrempige runde Filzhut mit auffallend niederer Kopfform beschattet das bartlose glattrasierte Gesicht. Ein ähnlicher Festrock, doch mit schwarzer Fütterung, eine dunkle, blumige West und ein weicher, schwarzer Filzhut sind die Trachtenmerkmale der anderen, mehr dem Stamme der Alemannen zugehörenden Männer, die auch noch in einem strammen Schnurrbart eine Zierde der Männlichkeit sehen. Doch meinte einmal eine resolute Hofgewaltige, die ihren Ehemann aus dem hinteren Renchtale holte, gegen andere im Vorteil zu sein, als sie sagte: „Die Mannsleut mit ganz glatte G’sichter in dene ganz hintere Däler sin halt doch viel suferer als die andere näher bi de Stedt, wo bald jeder Luusbue under siner Nas so ä Löffelbutzer het.“ Diese unterscheidenden Rassemerkmale eines solch kleinen Volksteiles erinnern an völkergegensätzliche Ereignisse, die sich vor Jahrtausenden abspielten und in der Völkerwanderung und Frankenzeit wie in späteren Jahrhunderten die Mischbevölkerung in unserem Heimatlande zusammenführten. Neben diesen Gedanken tritt das Einigende um so mehr hervor, wie es bei unseren Hofgemeinschaften sich in gleichen Standesbewusstsein zeigt, das Gemeinschaftssinn und vertrauendes Selbstgefühl verleiht und aus gemeinsamer Liebe zur heimischen Scholle in Heimattreue auch der Allgemeinheit, dem Wohle des Ganzen dient. Diese Talbewohner haben auch im Weltkriege dem Vaterlande den blutigen Tribut gegeben und in der schweren Nachkriegszeit ein warmes Herz und eine offene Hand für des Nächsten Not gezeigt.

Ohne Bangen kann man deshalb diesen Bottenauer Mannen zu ihrem Bauerngericht folgen. Kurz nach der Wintersonnenwende ziehen die Bürger vom Stab Bottenau am frühen Gerichtstagsmorgen nach der stattlichen St. Wendelinuskapelle hinauf, um hier den Tag mit einem bestellten, vom Durbacher Pfarrherrn dargebrachten hl. Messopfer zu beginnen. Die Kapelle schaut in ihrem weißen Gewande von einem waldigen Berghang in eine schöne Landschaft hinaus. Den Turm krönt eine kunstvolle Sandsteingruppe, welche die Gestalt des Heiligen in Überlebensgröße mit dem Hirtenstab in der Rechten inmitten einer Viehherde darstellt. Das Innere der Kapelle ist von dem aus Durbach gebürtigen bekannten Münchener Kunstmaler und Professor Hugo Huber ausgemalt mit Darstellungen aus dem Hirtenleben des hl. Wendelin. Besonders groß ist das Vertrauen der Landleute zur Fürbitte dieses Heiligen um zeitliche Hilfe und Bewahrung vor Viehseuchen. Zu Hunderten kommen in der St. Wendel-Oktav im Oktober täglich die Bewohner der näheren und entfernteren oft stundenweiten Umgebung zur Kapelle hinauf, um im Freien die Predigten des Kapuziners von der Kanzel an der Turmaußenseite zu hören und im Gebet dem St. Wendel die Bitten und Anliegen vorzubringen. Eigentümerin dieser schönen Kapelle ist die uralte Pfarrei Nußbach, die älteste des ganzen Renchtales, die schon urkundlich unter Kaiser Heinrich dem Heiligen genannt wird, der mit ihr das Stift Waldkirch begabte. Bei dem von der genannten reich dotierten Pfarrei Nussbach erbauten St. Wendel hat sicherlich schon mancher von Not und Leid Bedrängte Trost gefunden, und wer wäre gerade in der heutigen Zeit ohne Anliegen? Es ist deshalb ein schöner Zug in der Gesinnung dieser Landleute, wenn sie einen der Heiterkeit, dem Frohsinn gewidmeten Tag in dieser löblichen Weise beginnen. Mit Befriedigung begeben sich die Frühmesseteilnehmer heimwärts zum Morgenkaffee, bei dem besonders der große Milchtopf und die halbrunden blumigen Kaffeschüsseln mit ihren zwei Ohren zum Zugreifen einladen. Bald waltet der Stabhalter in seinem Hause der alljährlich abwechselnd bei einem anderen Hofbauer seines Amtes. In Anwesenheit aller Bürger des Stabes erfolgt der Wirtschaftsbericht über ihren Gemeinschaftsbesitz mit darauffolgender Verteilung des Erlöses aus dem Allmendgut an alle Berechtigten. Dieser Bürgernutzen ergibt in guten Jahren für den einzelnen Nutznieser oft einen ansehnlichen Barbetrag, der für ein fröhliches Beisammensein verlockend wirkt. Da sich im ganzen Tale keine Wirtschaft befindet, so erhält der Hofbesitzer, in dessen Haus das Bauerngericht abgehalten wird, die Wirtschaftserlaubnis für diesen Tag. Die helle geräumige Stube in einem solchen Fachwerkbauernhaus bietet schon ausreichenden Platz für eine größere Gesellschaft, und nötigenfalls können auch noch die anschließenden Kammern in den Wirtschaftsbetrieb einbezogen werden. Die Ehrenplätze befinden sich am Tisch beim Herrgottswinkel, der mit den Bildern an den holzgetäfelten Wänden der Stube ein freundliches, anheimelndes Aussehen verleiht. Der vorbedachte Hauswirt hat für die Bedürfnisse seiner Gäste bestens gesorgt. Mehrere Häslein mussten fürs Bauerngericht ins schneeige Gras beißen und ein Schwein und Kalb das Leben lassen. Wer wäre da kein Freund von Hasenpfeffer und hausgemachten Eiernudeln? Es gibt Gesottenes und Gebratenes, und auch die vielgenannten Koteletts so groß wie ein Abt....deckel fehlen nicht; denn ausgiebig und preiswert sind alle Portionen. Nicht so sehr nach Gewinn geht des reellen Wirts Streben, als auf beste Zufriedenstellung aller Gäste. Ein selbstgezogener guter, reiner Tropfen bringt den Männern eine vergnügliche Stimmung, die den Mut nicht sinken lassen im Hinblick auf die nicht rosige Gegenwart für Landwirtschaft und Weinbau, worüber hauptsächlich die Unterhaltung geführt wird.

Aber auch das folgende Plaudern über alte Zeiten findet lauschige Ohren. Ortsbezeichnungen der Umgebung führen auf die alemannische Markgenossenschaft zurück, die einst in der Gegend bestanden hat. Herbstkopf = Herbiskopf, Meisenbühl = Bühel des Egizo, Herztal = Tal des Hetzelin, Illental = Tal des Ulo.. aus Eigennamen alemannischer Ansiedler entstanden. Später umfasste ein großer Teil dieser früheren Markgenossenschaft die markgräfliche Herrschaft Staufenberg. Auch dieser Name geht auf das alemannische Wort „stauf“  = Trinkgefäß zurück. Das fränkische Rittergeschlecht der Kolbe von der benachbarten ehemaligen Ganerbenburg Staufenberg besaß im 13. Jahrhundert in der Bottenau einen Burgstall, den Kolbenstein. Ein Zweig der Kolbe saß auf der Burg Stollenberg, einem Staufenberger Nebensitz, der in einer Fehde mit den Straßburgern im 14. Jahrhundert von diesen gänzlich zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Oft zeige sich dem Vorübergehenden in später Abendstunde, die schöne weiße Waldfrau Melusine, die dort im „alten Schloß“ verborgene Schätze hüte und ihrer Einlösung harre. Dieser Name ist für die weiße Waldfrau nicht ursprünglich, denn sie geht zurück auf die im Glanze strahlende alemannische Göttin Berchta, die sagenhafte Ahnfrau der Zähringer, von der sich der Namen Berchtold oder Bertold und Berta herleiten. Die Bezeichnung Bächlesberg enthält noch versteckt den Namen der Berchta. Die Ganerben oder Gemeiner von Staufenberg waren Jahrhunderte durch unter der Oberhoheit der Markgrafen von Baden im Besitze der Hoheitsrechte über die Herrschaft Staufenberg. Diese bildeten in der Folgezeit und noch bei Beginn des 19. Jahrhunderts das Amt Staufenberg, das seinen Amtssitz auf der gleichbenannten Burg hatte, deren heutigen Gelasse die ehemaligen Amtsräume waren. Von den in früherer zeit der gemeinsamen Nutznießung mehrerer Ortschaften dienenden herrschaftlichen Waldungen und Flurgewannen sind später noch einzelnen Gemeinden, wie Hesselbach, Durbach und auch dem Stab Bottenau Allmenden verblieben. Ein ähnlicher Anlaß wie zum Bottenauer Bauerngericht führt auch die Waldgenossen aus Hesselbach und Durbach-Ergersbach zum Bildeichfest, das droben auf dem Berge um Martini auf einem mächtigen Feuer an der Bildeiche abgehalten wird, die ihren Namen nach dem in den Stamm eingelassenen Marienbild hat. Nach der Verteilung des Holzerlöses aus dem ausgedehnten bis zum „Franzosenloch“ herabreichenden Genossenschaftsbesitz an die Genossen, bleiben diese noch längere Zeit auf der Bergeshöhe fröhlich vereint, um in hergebrachter Weise ihren Geselligkeits- und Magenbedürfnissen durch ein Waldfest bei einem biwakähnlichen Feuer Rechnung zu tragen. In mehreren Fässern wurde der Klevner und Klingelberger aus dem nahen Weintale auf die Höhe für die feiernden Waldgenossen und die vielen anderen Festteilnehmer hinaufgebracht, und korbweise stehen die Würste bereit, die am Holzspieß über dem Feuer gebraten werden, das bis in die späte Nacht brennt und diesem Waldfest ein romantisches Bild verleiht. Es geht oft hoch her, wie es auch der Fall war, als „der alt’ Murekarl“ von einem Fasse herab durch eine Ansprache die Versammelten in seinen Bann zog und durch die lateinische Sprachkenntnis verblüffte, von der eine Probe folgen möge: „Margarentum wendentum katzfriß babylorum“ oder Hochbannus grünastus, krawazi im sandus, bockficksi  am festus um karentius vino“. Wahre Lachsalven löste die Schneiderpredigt aus und die Kopulierformel mit dem Schlusse: „Ein Stückel Wurst ist gut für den Hunger und für den Durst. Im Namen des Gesetzes, und jetzt hets’ es Möge dieser jetzt 85jährige sehr rüstige und noch seinen Beruf ausübende Durbacher Maurermeister mit seinem heiteren Gemüt, seinem vorzüglichen Gedächtnis und einer beachtenswerten Rednergabe noch mehrere Jährlein recht viele in seinem großen Bekanntenkreis erfreuen. – In rascher Eile fliehen so bei anregendem Gespräch die Stunden dahin, und immer mehr füllt sich gegen Abend die Stube mit neuen Gästen. Geschäftsleute aus der Gemeinde und der nahen Renchtäler Amtsstadt, sowie auch andere Herren von Amt und Stand wollen noch beim Bauerngericht gemütliche Stunden verbringen. Bei Cego-, Sechsundsechzig- und Würfelspiel findet man Unterhaltung und oftmals auch Gewinn, der nie in Geld besteht, sondern in einem guten Milchbrotbackwerk, den sogenannten Murren, ohne die das Bauerngericht nicht denkbar ist. Ein solcher Murrenweck sieht der verzogenen Lippenform eines mürrischen Gesichtsausdruckes sehr ähnlich. Als einmal ein Feinschmecker die bekannte Güte der Murren anzweifelte, gab ihm ein anderer die Erwiderung: „Das meinsch nur du, die Murre sin so guet wie immer. Sicherlich kann dir der Beck d’r  Butterbolle jetz noch zeige, der in der Murreteig hätt g’höre solle.“ Mehrere Zeine voll von diesem beliebten Backwerk muß die Murrefrau an dem Tag über den Berg hinüberschleppen, denn nach Dutzenden dieser Brote zählt oft der Gewinn eines glücklichen Spielers und muß manchmal in einem Sack nach Hause getragen werden. Als einst die Jungmannen im Festhaus keinen Platz mehr fanden, wussten sie sich auf originelle Art zu helfen. Sie holten den großen Leiterwagen aus der Scheune und legten die aus den Angeln gehobene Haustüre als Tisch darüber. Wie von einem Mast leuchtete von der hochgestellten Wagendeichsel die Laterne herab. Wenn nun einer der Stubeninsassen notgedrungen die Stube verlassen und das Wetter betrachten musste, so ließen ihm zu Ehren die fidelen Burschen den Grammophon spielen und nach einem dreimaligen Hochrufen wurde der Geehrte zur Zahlung eines Liters vom Besten verpflichtet. Die Zahl der Liter, welche die wackeren Burschen so gratis zusammenbrachten, soll das Dutzend weit überstiegen haben. In tiefer Nachtstunde findet das Bauerngericht sein Ende. Doch zum Lebe aller Teilnehmer sei vermerkt, dass noch nie ein unliebsamer Anlaß die schöne Männereintracht störte. Und sollte einmal ein braver Mann wegen seiner späten Heimkehr von der zarten Ehehälfte mit einer Strafpredigt empfangen worden sein, so habe sich in einem solchen Falle der Hinhalt einer Murre vor des scheltenden Eheweibs Nase als Besänftigungsmittel immer gut bewährt. Wenn dann am anderen Morgen die ganze Familie am Tische saß, und der Vater darauf die Murren aus dem Sack hinbreitete, dann waren die Wetterwolken am ehelichen Sonnenhimmel wieder verflogen und noch tagelang herrscht Freude über die guten Murren vom „Buregericht“ bei groß und klein.

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