Schicksalsjahre an der Brandeck

Zeitungsbericht  (A.G., Offenburg)
vom 6. Februar 1892
Ein Kulturbild aus unseren Tagen

Als ich meinen Wohnsitz in die Einsamkeit der Brandeck-Wälder verlegte, meinte die schwarze Presse, ich setzte mich fern von der Gelegenheit, über das Elend des arbeitenden Volkes Betrachtungen anzustellen. Als ob die Bewohner der Berge auf Rosen gebettet wären. Ein Beispiel aus mehreren:

Ging man vom Brandeck-Lindle durch den Tannenwald hinunter in das Tal, dem der Durbacher Klevner einen weitverbreiteten Namen verschafft, so fand man gleich zur Linken meinen Nachbarn, den H u r s t – Jörg, auf dem Brandeck-Hof. Der war einst ein eigener Herr auf diesem großen Bauernhof mit vielen Morgen Feld und Wald. Vor Jahren kam der Brandecker-Hof unter den Hammer und der frühere Eigentümer, der Hurst-Jörg, mit seiner Frau und 9 Kindern sank zu den Pächtern herab. Er bebaute den Hof und die Eigentümer bezogen die Revenüen (Einkünfte).

Bald war auch dieses Stadium der proletarischen Entwicklung vorüber und der dritte und letzte Zustand trat ein: Das tiefste Proletariat.

Die kalten Schreckenstage in der Mitte dieses Januar werden allen armen Leuten im Gedächtnis bleiben. Selbst wer sich behaglich hinter dem wärmestrahlenden Ofen und neben einer wohlbestellten Speisekammer verleben konnte, vergißt sie nicht. Es war grauenhaft kalt; Stein und Bein gefroren, jene Witterung, bei welcher es tierschutzvereinlich verboten ist, einen Hund ins Freie zu jagen. Am Vormittag des 14. Januar schritten von Durbach aus 4 Männer dem Hurst-Hof zu: der Gerichtsvollzieher, zwei Ortspolizisten und der Waldhüter. Sie hatten die traurige Aufgabe, im Namen des Gesetzes und Rechtes den Hurst-Jörg, seine Frau und die neun Kinder bei dieser sibirischen Kälte auf die Straße zu setzen, den Hof zu schließen und die kleinen Kinder ins Schulhaus von Durbach-Gebirg zur Armenversorgung zu bringen. Der Antrag zu dieser Austreibung ging formell von den Eigentümern des Hofes aus, einem Rentner in Oberkirch und einem reichen Hofbauern in Durbach, beide unbeschnitten. Der Hurst-Jörg und seine Familie darf noch von Gnade reden, dass der Schub nicht auf die Weihnachtszeit erfolgte.

Nun ging man daran, die noch übrig gebliebene, unverpfändliche Habe aus dem Bauernhof hinauszuschaffen. Alles fand seinen Weg durch alle Oeffnungen, die der Zimmermann gelassen, so Türen als Fenster. Stühle, Tische, Betten wanderten ins Freie, die Tafeln (Bilder) erlitten bei der Geschwindigkeit, mit der sie aus der vieljährigen Ruhe entfernt wurden, Schaden und Gebrechen; der Weg zu den Fenstern des oberen Stockes hinab mag für die Gegenstände dieser Betriebsart nicht wohltuend gewesen sein; der Heiland am Kreuze fuhr mit derselben Eilpost zur Erde, wie einst beim Ausdruck der Reformation die kaiserlichen Ratsherren zu Prag.

Was im Keller an Lebensmitteln gegen die vernichtende Kälte geborgen war, lag bald im Schnee des Hofes. Sauerkraut und Kartoffeln gerieten unter den Einfluß einer Temperatur von 17 Grad Kälte. Die „letzte Kuh“ mußte aus dem Stalle und ohne Schutzdecke dem Karren folgen, auf welchem der Hausrat der Familie talabwärts geschoben wurde. Ein Teil der Kinder entfloh durch den Schnee in den Wald um sich der Mitnahme zu entziehen.

Jetzt wurde zur Bestreitung der Austreibungskosten – die Helfer des Gerichtsvollziehers erhielten 15 Mk. – eine Pfändung der Faßlager, Bütten usw. vorgenommen und eine Zwangsversteigerung auf 8 Tage festgesetzt. In die Türen des Hauses trieb man lange Nägel, damit keine Rückkehr in die liebgewordene Heimstätte möglich sei.

Ich habe hier erzählt, was sich aktenmäßig feststellen läßt, und will nicht untersuchen, welches subjektive Verschulden auf Konto des Hurst-Bauern an der Katastrophe zu sehen ist. Soviel ich höre, sind mitleidige Freunde bereit, demselben wieder zum Hofe zu verhelfen.

 

Heimatbeilage 06.02.1987

Nachbemerkungen von Josef Werner, Ratsschreiber:

Die Familie Hurst saß seit mindestens Anfang 1700 auf der Brandeck. Zumindest ist die Familie ab diesem Zeitpunkt in den Kirchenregistern mit Wohnsitz an der Brandeck bezeichnet. Der Hof hatte eine Fläche von über 55 ha mit Wald, Wiesen Ackerland, Reutfeld (frisch gerodetes Land), sowie rd. 50 Ar Reben. Zum Hofgut gehörte auch eine kleine Mahlmühle mit einem Mahlgang für den eigenen Gebrauch in der Talsohle am Brandeckbächle. Heute erinnert hieran nur noch die Bezeichnung „Mühlenloch“.  

Welch schwierige Bedingungen auf diesem Berghof herrschten kann man wohl auch aus dem Familienregister der beiden Generationen Hurst im Zeitraum von 1843 bis 1889 entnehmen.

Johann Georg Hurst* 1810  und Ludwina Fieß * 1820, heirateten am 27.11.1843. Neun Kinder erblickten das Licht der Welt, jedoch nur 3 kamen offensichtlich ins Erwachsenenalter. Allein im Jahre 1850 verstarben innerhalb 10 Tagen 4 Kinder. Ein weiteres Kind, das anstelle seines verstorbenen Vorgängers ebenfalls den Namen Franciscus Antonius erhielt, wurde gleichfalls nur 1 1/2 Jahre alt und verstarb 1852. Eine Seuche war wohl Ursache dieses Familiendramas, denn auch in anderen Bereichen des Tales war in dieser Zeit ein gehäuftes Kindersterben zu verzeichnen. Auch die Mutter der 9 Kinder musste 1863 im Alter von 43 Jahren das Zeitliche segnen weshalb der Vater 1865 mit Helena Gmeiner eine zweite Mutter für seine Kinder ehelichte. Doch auch diese Frau bekam die Härte des Lebens auf diesem Hof zu spüren und verstarb ebenfalls im frühen Alter von 40 Jahren im April 1875.

Der Sohn Georgius * 1853 heiratete 1875 die Victoria Kempf. Unter wiederum sehr schwierigen Bedingungen übernahm Georg junior im selben Jahr den elterlichen Hof zu einem Kaufpreis von 15.000 Gulden. Außerdem musste der seinem Vater das üblich Leibgeding mit Pflege und Wartung in alten und kranken Tagen gewähren und das Wohnrecht seiner Brüder Wilhelm und Josef dulden. Ein umfangreiches Verzeichnis über die mit übergebenen Fahrnißgegenstände zeigt trotz schwerer Belastungen einen ursprünglich wohl guten Haushalt. Wertvollstes Stück war silberne Taschenuhr. Dass trotz großer Personenzahl auf dem Hof nur „2 aufgerüstete Betten“ und 3 Oberbetten vorhanden waren muss wohl als üblich angesehen werden. Ein richtiges Bett stand offensichtlich nur dem Hofbesitzer und seiner Frau zur Verfügung während die restlichen Bewohner ihre Liege auf einem einfachen Strohsack hatten. Unter den Vorräten finden sich 10 Kilo Hanf, mit welchem in der Winterzeit Faden gesponnen wurde. 120 Meter Tuch und Zwilch war ebenfalls ein stattlicher Vorrat um den Bedarf an Stoff zur Herstellung der Kleidung usw. zu decken. Sechs Porzellan-Teller für den Festtag, 4 Krautstanden und überhaupt einiges Hausgeschirr sowie die Gerätschaften für den Betrieb des Hofes ließen eigentlich eine gute Zukunft erhoffen. Dennoch wurden wirtschaftliche und finanzielle Bedingungen für Familie und Hof von Jahr zu Jahr schwieriger. Während der Zeitungsschreiber von 1892 von einer Versteigerung schreibt, findet sich im Grundbuch von Durbach-Gebirg ein Kaufvertrag vom 29. Dezember 1889. Wohl im Hinblick auf den finanziellen Druck verkauften Jörg Hurst und seine Frau Viktoria den Hof an Christian Huber, einen wohlhabenden Rentner aus Oberkirch. Bereits am 1. Dezember 1889 war dieser Kauf mündlich vereinbart worden. Als Kaufpreis wurde 33.000 Mark vereinbart. Es wurde auch vereinbart, dass der Käufer sofort in den Besitz und Genuss des Hofes kommt und den Kaufpreis mit 5 % zu verzinsen habe. Der Verkäufer sicherte sich ein Vorkaufsrecht auf die Dauer von 10 Jahren, sofern der Hof in diesem Zeitraum wieder veräußert werden sollte. Mit dem Kaufpreis musste ein Darlehen der Sparkasse Lahr in Höhe von 16.000 Mark und ein Gleichstellungsgeld in Höhe von 2.700 Mark an den Bruder Josef Hurst sowie Forderungen des Kaufmanns Adolf Nassall beglichen werden.

Am 15. März 1890  kamen die Vertragsparteien nochmals vor den Gemeinderat um den Kaufvertrag zu berichtigen. Es wurde nun festgestellt, dass der Vertrag nicht nur mit Christian Huber, sondern auch mit Wilhelm Serrer von Durbach und dem bereits vorerwähnten Kaufmann Adolf Nassall zum gemeinschaftlichen Eigentum geschlossen sei. Nach Verrechnung aller Außenstände verblieben dem Verkäufer noch 1.106 Mark.

Neun minderjährige Kinder hatte auch Georg Hurst Junior mit seiner Frau zu versorgen. Nach der „Vertreibung“ von ihrem ehemaligen Hofgut war die Familie in Durbach-Obertal, wohl in verschiedenen Anwesen wohnhaft. Der Familienvater starb als „Taglöhner“ mit nur 45 Jahren bereits im Jahre 1898. Die Witwe Viktoria verstarb 1926 im Alter von 78 Jahren.

Nur wenige Jahre wirtschafteten die neuen Eigentümer auf dem Hof. Bereits 1894 verkauften sie  den Besitz an das Großherzoglich Domänenärar in Offenburg zum Kaufpreis von 40.000 Mark.

Vom einstigen Hof ist kaum noch etwas übrig geblieben. Der Hof wurde Anfang 1900 umgebaut und alte Gebäudeteile abgerissen. Auch das alte Mühlenhäuschen verschwand. So erinnern heute nur noch alte Karten, Urkunden und Zeitungsberichte an das Schicksal einer Familie.

zurück >