Als Ichenheim nach Durbach kam

Am 14. Juni 1940 zog ein rund 2 km langer Treck mit Kuh- und Pferdegespannen von Ichenheim über Dundenheim – Schutterwald – Offenburg – Rammersweier nach Durbach.

Mit dabei war fast die gesamte Bevölkerung von Ichenheim, das Groß- und Kleinvieh, Wagen mit Vorräten und alles was man für einen nicht absehbaren Aufenthalt in einer fremden Gemeinde benötigte. Anlass für diese „Evakuierung“ waren bevorstehende Kampfhandlungen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges mit unserem Nachbarland Frankreich.

Durbach lag in der „grünen Zone“ und war deshalb bei kritischer Lage ebenfalls als Kampfgebiet freizumachen. In diesem Fall durfte nur 1 Beamter (Bürgermeister oder Ratschreiber) in der Gemeinde zurückbleiben. Für 50 – 60 Gehöfte durfte jeweils ein weiterer Beauftragter der Gemeindeverwaltung, darunter der Ortsbauernführer, zurückbleiben. Durbach blieb von der Freimachung „verschont“, dafür kamen jedoch die bedrängten Menschen aus den Gemeinden entlang des Rheins ins Rebland.

Bereits im Februar 1939 wurde festgestellt, dass Durbach für die Wehrmacht wie folgt Belegungsfähig sei: 23 Offiziere, 465 Unteroffiziere und Mannschaften, sowie 24 Pferde bei gewöhnlicher Belegung und 810 Mannschaften nebst 378 Pferden bei enger Belegung.

Vom September 1939 bis Februar 1940 war der Saal des Gasthauses „zur Eintracht“ mit Truppen bzw. RAD belegt. Hierzu wurden von der Gemeinde 40 Bettstellen angefertigt. Nach dem Abzug der Truppe wusste die Gemeinde nichts mit diesen Betten anzufangen und bat deshalb um Kostenerstattung. Eine Schreibmaschine wurde von der Truppe mitgenommen weshalb man für Ersatz sorgen musste. Ebenso wurden von den Soldaten 228 Stück Strohsäcke (für das Nachtquartier) mitgenommen, welche die Gemeinde ebenfalls entschädigt haben wollte. Ein neuer Strohsack wurde mit 3 – 3,50 RM, - ein gebrauchter Strohsack mit 1,50 RM bewertet.

 Schon am 1. Juni 1939 war zur Freimachung der roten Zone eine Liste erstellt, nach welcher Durbach als Einquartierungsgemeinde die doppelte Zahl der Einwohner aufnehmen sollte. In 109 Haushaltungen waren demnach 4.100 Personen zur Unterbringung vorgesehen.

Als Vergütungssatz für Quartierverpflegung wurden verfügt:

 

Brot

RM

Beköstigung

RM

Zusammen

RM

Für die Mittagskost

0,07

0,57

0,64

Abendkost

0,07

0,38

0,45

Morgenkost

0,07

0,19

0,26

Summe:

0,21

1,14

1,35

Für jeden Unterkunftsort war die Anlage von Behelfslatrinen, Männer und Frauen getrennt,

angeordnet. Kalk zur Streichung dieser Latrinen musste vorhanden sein. Auf Anordnung des Reichsministers des Innern wurde vom Landrat verfügt, dass die Bezeichnung „Rückgeführte“ für die aus den Freimachungsgebieten zurückgeführten Volksgenossen an Stelle anderer Ausdrücke zu verwenden sei.    

Zur Versorgung der Familien, die ihr Dorf (Wohnung) räumen mussten, wurde durch Verordnung vom 21.8.1939 verfügt, dass die aufnehmende Gemeinde diese zu unterstützen habe. Schon im Spätjahr 1939 waren u.A. Ziegenböcke aus dem Räumungsgebiet Kehl und auch der Farren der Gemeinde Kehl in

Durbach untergebracht.

Ernst Schnebelt, damals 13 Jahre alt und heute wohnhaft in Oppenau, erzählt: „Bereits seit September 1939 war der Planwagen in der Scheuer für den Evakuierungsfall gerichtet. Als Nahrungsgrundlage waren 2 Sack Mehl und Räucherfleisch vorbereitet, das alle paar Wochen wieder ausgetauscht wurde. Am 14. Juni 1940 war es dann soweit. Unsere Familie zog mit 2 Zugpferden und einem Fohlen nach Durbach. Das weitere Vieh, soweit es nicht vor den Wagen gespannt werden musste, wurde bereits 2 Tage vorher mit der Bahn nach Offenburg verfrachtet und von dort nach Durbach getrieben. Wir waren bei der Familie Andreas Männle im Heimbach untergebracht. Unser Vieh stand in der Scheuer, dort wo heute der Weinverkauf ist. Die Familie selbst wurde im Wohnhaus im Dachgeschoss notdürftig versorgt.“ Gerne erinnert erinnert sich Schnebelt noch an die Ringkämpfe, die er als Bub mit dem damals ebenfalls noch jungen „Männle Andreas“ führte. Beim Aufstieg in den Heimbach war das Fohlen so erschöpft, dass es sich einfach auf die Straße legte. Erst nachdem man einige Zeit später mit der Stute nochmals zurück zum Fohlen ging, folgte es bis zum Hof. Der Aufenthalt der Ichenheimer in Durbach dauerte ca. 8 bis 10 Tage. Manche Ichenheimer fühlten sich aber auch noch länger in Durbach sicher und dehnten den Aufenthalt aus. Es war Heu-Ernte-Zeit. Die Evakuierten halfen teilweise auch mit den Pferden, bzw. dem Vieh bei der täglichen Arbeit auf dem Hof und im Feld. Ernst Schnebelt erinnert sich: „Während wir in Durbach waren, waren zu Hause in Ichenheim Deutsche Truppen untergebracht. Der Stall war nicht ausgemistet und die Pferde standen ½ m hoch im Mist.“

Am 25.6.1940 waren die meisten Ichenheimer wohl wieder in die Heimat zurück gekehrt. Am 17. Juli 1940 wollte Bürgermeister Roth von Durbach von seinem Amtskollegen in Ichenheim wissen, wer denn nun die Kosten für die zur Unterbringung des Viehs errichteten Notpferche bezahle.

Viele freundschaftliche Verbindungen sind seit diesen Tagen zwischen Durbacher und Ichenheimer Familien gewachsen. Ganz spontan erinnert sich der Durbacher Karl Distelzweig an die Tage mit den Familien aus der Riedgemeinde und meint: „Do erinner ich mich noch gued dro. Die Icheheimer hän nach’m Krieg bi jedem Fußballspiel fir uns gschrie’e will’s ne bi uns so gued gfalle het!“ Über die Evakuierung wurde in Ichenheim ein Film gedreht, was aus der dortigen Gemeinderechnung hervorgeht. Der ursprüngliche Ichenheimer Film ist leider nicht mehr vorzufinden. Es wurde deshalb vor wenigen Jahren die Evakuierung in einem neuen Film nachgestellt. Wenige Bilder erinnern heute noch an den „langen Treck“, der in Durbach Schutz und Aufnahme fand.

Josef Werner, Ratschreiber

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